Ewiger Frühling

Der Frühling ist schon groß geworden. Der Flieder in den Gärten wirft den Vorbeiziehenden ein duftendes Hallo zu, die Blüten fallen bereits von den Obstbäumen, und das anfänglich so verletzlich-zarte Grün der Blätter hat an Kraft und Durchsetzungsvermögen gewonnen. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ heißt es im Gedicht – ersten Begegnungen, ersten Projektideen, ersten Besuchen in einem fremden Land… Warum verliert sich der Zauber mit der Zeit? Zwei Schmetterlinge tanzen durch die Lüfte. Fasziniert halte ich inne und schaue ihnen nach. Noch einmal tanzen zwei Schmetterlinge an mir vorbei und noch einmal, und beim vierten Mal nehme ich nicht einmal mehr Notiz davon. Das Staunen ist zum Kennen herangewachsen, die Neugierde zum Wissen, die Begeisterung zur Routine, das Jetzt zur Wiederholung des Vergangenen.Giorgio, mein Freund, wurde depressiv, als sein Haus fertig gebaut war. Damals, als er es noch am Plan des Architekten betrachten, verändern, ja sogar verwerfen und neu konzipieren konnte, hatte er für die Idee gebrannt. Nun aber war die Idee zu Stein geworden, hatte sich zu unverrückbarem Gemäuer verfestigt. Daran drohte er zu zerschellen. Ich konnte ihn so gut verstehen. Mich erschreckt es auch, wenn Gedanken zu unverrückbaren Gebäuden, zu undurchdringbaren und unhinterfragbaren Bildern und Mustern erstarren, zu dicken Mauern, die das Wesen des Menschen  gefangen halten, die es unberührbar und unerreichbar machen von allem, was den Menschen umgibt. Am meisten erschrecke ich, wenn ich an meine eigenen Gedankenmauern stoße, die mich hindern zu leben, zu lieben, kreativ und glücklich und frei zu sein, und die mich mitunter schmerzhaft mit den Gedankenmustern anderer zusammenprallen lassen.

In meiner Rolle als Coach stehe ich ständig vor der Herausforderung, Türen zu öffnen, Mauern durchlässig werden zu lassen, um das Wesen eines Menschen, eines Teams, eines Unternehmens mit all seinen großartigen Zukunftspotenzialen frei zusetzen. Das ist es, was mich seit nunmehr 25 Jahren motiviert, meinen Job zu tun, zu erleben, wie Menschen, ja ganze Unternehmen zu sich selbst finden und sich machtvoll auf den Weg in die Zukunft machen. In eine Zukunft, in der Neues, bislang Undenkbares plötzlich möglich wird, in der der Zauber des Anfangs, der uns, laut Hesse, „beschützt und hilft zu leben“,  in der das Lebendige, das Hoffnungsfrohe, Kindlich-Unmittelbare des Anfangs wieder erwacht und sich mit dem Erfahrungsschatz aus der Vergangenheit, dem Gereiften verbindet. Wenn sich das Alte dem Neuen als Nährbrunnen, als Unter-Stützung zur Verfügung stellt,  dann kann sich das Neue, seiner Natur gemäß, entfalten. Wenn es sich aber dem Neuen entgegen stellt, kommt es zu jenen Fehlentwicklungen, die wir überall im Leben, im persönlichen, familiären, beruflichen und öffentlichen, beobachten können. Die Bestimmung der Vergangenheit liegt nicht darin, sich in die Zukunft zu tradieren und auf diese Weise dem Jungen, Neuen, Zukunftsweisenden den Raum zu seinem Heranwachsen zu nehmen.

Das Junge, Neue, Zukunftsweisende ist unser Wesen, das was uns im Wesentlichen ausmacht und sich danach sehnt, zu leben, zu lieben, kreativ und glücklich und frei zu sein. Wie alt wir auch sein mögen, unser Wesen ist immer jung, neu und zukunftsweisend. Immer weniger zu wissen und immer mehr zu erfahren, immer weniger zu behaupten und immer mehr zu fragen, sich immer weniger an die Vergangenheit zu klammern und immer mehr nach der Zukunft auszurichten, immer weniger, das, was ist, von mir zu weisen, es vielmehr zu bejahen und willkommen zu heißen, das ist mein Weg, Fenster und Türen zu öffnen und das Gemäuer durchlässiger werden zu lassen, um dem Wesen zu ermöglichen, in seiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit zu erstrahlen. Im Übrigen ist das der Weg des Coachings im Allgemeinen und des FUTURE-Coachings im Besonderen.

Ich träume von einem Zustand, in welchem das Jetzt immer weniger zu einer Wiederholung des Vergangenen sondern zum Sprungbrett in eine neue Zukunft  gerät. Ich träume vom ewigen Frühling, zu leben, zu lieben, kreativ und glücklich und frei zu sein. Es scheint mir, je älter ich werde, dass dieser Traum dabei ist, Wirklichkeit zu werden.

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