Ein erfüllter Tag

Nichts von dem, was ich vorgehabt hatte, habe ich fertig gebracht. Auf dem Weg zum Mechaniker rammte mich ein Mercedes (ich war wohl zu klein, als dass er meinem Dasein die nötige Bedeutung beigemessen hätte). Dadurch kam ich zu spät zum Mechaniker, der das Fahrzeug, das, im Gegensatz zum großen Mercedes, nahezu unbeschadet geblieben war, überprüfen sollte. Er hatte zwischenzeitlich ein anderes Auto vorgenommen. Wenn ich aber in einer Stunde wieder käme, würde er mich einschieben, meinte er. Wohin, um Himmels Willen, wollte er mich einschieben? Und was sollte ich nun mit der freigewordenen Stunde machen? Ich musste der Freundin, bei der ich zum Mittagessen eingeladen war, absagen. Ob sie’s noch einmal versuchen wird, mich zu bekochen? Ich ging in ein nahegelegenes Restaurant. Beinahe wäre ich wieder zu spät zum Mechaniker gekommen, so lange hatte ich an den Kalamari zu kauen. Vielleicht haben sie zu viel von dem ins Meer gekippten Plastikmüll erwischt.  Ich nahm meine Aktentasche mit, um ein wenig zu arbeiten, während mein Fahrzeug auf seine Tauglichkeit überprüft wurde. Zwei Anrufe hinderten mich allerdings daran, meine guten Vorsätze zu verwirklichen. Vor Freude über das anerkennende Urteil, welches meinem Fahrzeug ausgestellt wurde, vergaß ich meine Aktentasche beim Mechaniker. Sie wird sich dort wohl etwas fremd vorgekommen sein. In meinem 30 km entfernten Zuhause angekommen, bemerkte ich das Fehlen alles dessen, was mich ausmacht, meines Gehirns, welches ich in meinem Laptop sicher verstaut wähnte, meiner Identität, welche in meinen Reisepass ausgelagert war, ja sogar meines Herzens, das in dem Geschenk pochte, welches ich meiner verhinderten Gastgeberin mitbringen wollte. Also fuhr ich die 30 km wieder zurück zum Mechaniker, bedankte mich artig bei ihm, dass er die Tasche in einem Winkel seiner Werkstatt abgestellt hatte. Nachdem mein Zuhause immer noch 30 km vom Mechaniker entfernt lag, war es schon Abend, als ich – fröhlich – dort ankam. Welch ein erfüllter Tag! Erfüllt mit Sinnlosigkeiten, die mich Zeit gekostet haben. Und doch habe ich keine Minute an diesem Tag verloren, hab, allen Unbilden zum Trotz, die Zeit erfüllt mit meinem Dasein, mit der Gelassenheit, der Lust und Freude meines Seins. Ich hab sie genutzt zu leben. Die Dankbarkeit dem gegenüber, was ich als „das Höhere“ begreife, und mit dem ich mich ständig verbunden fühlte, war groß, noch größer als der zerknautschte Mercedes.

Die Sinnerfülltheit eines Tages hängt nicht nur davon ab, was ich tue und wie ich es tue, sondern ob ich mit meinem von Herzen kommenden JA zu mir selbst, zu anderen, und zur Situation, in der ich mich befinde, dabei bin. Mein Freund Richard, ein tatkräftiger, tüchtiger Mensch, bekennt sich dazu, dass seine Lieblingsbeschäftigung „in die Luft schauen“ sei. Das sei für ihn gelebte Zeit, weil er sich selbst spüre – den Atem ein- und ausfließen und sein offenes Herz sich verströmen – weil er die Natur spüre – nicht nur den Wind, die Düfte, die Farben die Geräusche, vor allem den „Geist“, wie er es nennt, all der Erscheinungen, des Falken, des Spatzen, des Waldes, des Berges – weil er einfach da sei. Richard hat übrigens seinen Fernseher verschenkt. Er wolle sich das nicht mehr antun, sagt er. Ich habe immer wieder Gelegenheit mit Richard irgendwo hin zu fahren. Diese Fahrten sind nie nur eine Brücke von einem Ort zum anderen, sie sind immer Zeit, genutzt zu leben, um es lustig zu haben, um uns austauschen über das, was uns bewegt, um uns gegenseitig zu inspirieren,  und wenn wir schweigend nebeneinander sitzen, spüren wir die Verbindung manchmal noch mehr, als würden wir miteinander reden. Damit eine Zeit erfüllt ist mit Sinn, muss sie auch mit mir selbst erfüllt sein.

3 Kommentare zu “Ein erfüllter Tag

  1. manchmal dauert´s halt bis ich das Geschenk des Umweges oder der Schwierigkeiten erkenne, was kann ich tun, dass ich auch in diesen „unerkannten“ Momenten wirklich bei mir bleiben kann – aus vollem Herzen?

  2. „Das Geschenk des Umweges, das Geschenk der Schwierigkeiten“, liegt in diesen Begriffen nicht bereits die Antwort auf die Frage? Die Erkenntnis, dass grundsätzlich jede Situation ein Geschenk darstellt, jede Situation eine Sprosse auf der Leiter des Lebens, selbst wenn ich noch längst nicht verstehe, wozu es sie nun gebraucht hat? Könnte es sein, dass das Nicht-Verstehen des Geschenks, den eine Situation mit sich bringt, selbst das Geschenk ist, dass es uns nämlich ermahnt, dem Leben zu vertrauen, ihm grundsätzlich mit Dankbarkeit zu begegnen, es grundsätzlich zu bejahen. Könnte es sein, dass der Schlüssel zum Gelingen des Lebens darin liegt, mich in jeder Lebenssituation, der positiven wie der negativen, im Erfolg wie im Misserfolg, in Freud und Leid, in der G
    Geburt wie im Tod beschenkt zu wissen?

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