Der schönste Lauf meines Lebens.

Heute bin ich 10 km gelaufen, und habe nur einen Schritt getan. Verstehst du? Ist auch nicht zu verstehen mit einem an Raum und Zeit gebundenen Denken. Ganz da war ich in diesem Schritt, den ich gerade tat, ganz im Jetzt. Und plötzlich war da kein Unterschied mehr zwischen mir und dem Schritt. Ich war der Schritt, und der Schritt war ich. Der Lauf dauerte wohl eine Stunde – ein einziges ekstatisches  Jetzt. Wow!!! Auch wenn es mir noch nie in dieser Intensität zuteil wurde, nutze ich doch seit Langem schon das Laufen, das Schitouren Gehen, das Bergsteigen, das Radfahren, das Schwimmen, mich darin zu üben, bei jedem Schritt und Tritt und Tempo präsent zu sein. Nicht auf die körperliche Leistung, nicht auf das Schnellsein sondern auf mein Dasein richte ich meine Aufmerksamkeit – Sport mit Leib und Seele, wobei die Seele den wichtigeren Anteil hat. Dort sitzt die Quelle von Glück.

„Und? Was bringt dir das? Wozu brauchst du das? Steigerst du dadurch deine Leistungsfähigkeit?“ Solche Fragen stellte mir Joe, als ich ihm davon erzählte. Joe läuft Marathon – nicht um des Laufens willen (ich selbst laufe ja einfach nur, um zu laufen), er läuft wegen der Zeit. Er läuft 42,195 km nur wegen der Zeit! 42, 195 km, der ganze lange Weg, einzig und allein, um innerhalb einer bestimmten Zeit die Ziellinie zu überlaufen! Wie schade um den Weg! Das Laufen passiert doch am Weg! Alles Erleben, Erfahren, Erlaufen passiert am Weg. Der Weg ist doch das übergeordnete Ziel. Das Ziel selbst dient nur dazu, dem Weg Richtung zu geben. Nicht nur beim Laufen, bei allem, was wir auf unserem Lebensweg tun. Joe hat eine Werbeagentur. Einst hatte er Spaß an dem Spiel, durch Worte, Bilder, Töne und Farben Wirkung zu erzeugen. Aus dem geliebten Spiel ist längst bitterer Ernst geworden, es ist zu einem bloßen Mittel, Kohle zu machen, degeneriert. Joe rühmt sich, alle seine Ziele erreicht zu haben. Aber er selbst, er, der Erlebende, Empfindende, Spielende, Genießende, Wahrnehmende, ist auf der Strecke geblieben. Er selbst hat sich absentiert aus seinem Leben, er hat sein erstes Ziel, zu dem ihn das Leben beruft,  verpasst – da zu sein.

„Also, was bringt es, da zu sein?“, drängte Joe.  Natürlich bringt’s was. Wenn ich nicht da bin, übersehe ich mich, übergehe ich mich, mache mich kaputt. Wenn ich nicht da bin, übersehe ich den anderen, übergehe ich den anderen, und mache es ihm unmöglich, mit mir in eine echte, erfüllende, Frucht bringende Beziehung zu treten. Wenn ich nicht da bin, übersehe und übergehe ich den Sinn meines Tuns, dass es mich und andere erfüllt und glücklich macht, dass es mein Leben und das anderer fördert, dass es das Ganze fördert, dessen Teil ich bin, und dass es das Miteinander innerhalb diesen Ganzen fördert. Wenn ich nicht da bin, ergeht es mir wie dem Rotkäppchen, das sich durch den Wolf von seinem ursprünglichen Weg, von seiner eigentlichen Aufgabe abbringen hat lassen – mein Tun führt nicht zum Guten. In dem Maße, in dem ich da bin, schaffe ich die Voraussetzung, mich selbst zu entfalten und zur Entfaltung anderer und des größeren Ganzen beizutragen. Das verleiht meinem Tun Sinn.

Im Übrigen geistern alle möglichen gescheiten, redegewandten  Menschen durch die diversen Talkshows im Fernsehen. Bei einigen wenigen aber haben wir das Gefühl, einem Menschen zu begegnen, der diese Bezeichnung verdient, der uns berührt, dem wir uns gerne anvertrauen, bei dem wir uns entspannen und wohlfühlen könnten. Was uns diese Gefühl vermittelt, ist nicht das, was dieser Mensch sagt, und wie brillant er sich ausdrückt, es ist schlicht seine Präsenz, sein Dasein als er selbst.

Nun, Joe wurde schon ein wenig hellhörig, als ich ihm mein Verständnis des Daseins darlegte. „Wie machst du das?“, wollte er wissen. Ich gab ihm eine Hausübung mit auf den Weg: Er sollte sich fragen: Wer ist es, der da läuft? Oder: Wer ist es, der es gerade eilig hat? Oder: Wer ist es, der den Telefonhörer abnimmt? Bei allen möglichen Tätigkeiten solle er sich fragen: Wer ist es, der das tut? Wobei sich das Laufen besonders dafür eignet, weil wir uns dabei lange Zeit immer demselben Trott hingeben. Er solle sich diese Frage mit Neugierde, Interesse, Offenheit stellen, nicht mit dem Denken sondern aus ganzem Herzen, riet ich ihm. Letztlich passiert Erkennen nicht durch das Denken sondern durch das Herz. Und Dasein passiert auch nicht durch das Denken sondern einzig und allein durch das Herz.

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