Ein Ereignis, das mein Leben verändert hat

Es hatte schon den ganzen Tag geschneit. Ich musste ordentlich Schwung nehmen, um mit meinem Minivan die steile Anfahrt zu Andreas alter Villa zu schaffen. Andreas Frau war ausgeflogen. Es ergab sich ein lustiger, manchmal auch tiefsinniger Abend unter Männern. Irgendwann, nicht allzu spät, war es Zeit, aufzubrechen. Beim Reversieren geschah es: Der frische Schnee überdeckte die Randsteine, die Andreas Haus säumten. Als ich sie überfuhr, saß ich schon auf – mit der Vorderachse auf dem Randstein, die Antriebsräder ohne Bodenhaftung, keine Möglichkeit, von dort weg zukommen, nicht mit unter gelegten Brettern, nicht mit unter die Räder geschaufeltem Kies, schon gar nicht mit dem Wagenheber. Andreas rief den benachbarten Bauern an. Er war auf einem Fest, unabkömmlich, aber er vermittelte uns an die Feuerwehr weiter, die gerade eine Übung abgehalten hatte. Andreas und ich froren in der verschneiten Nacht. Doch bald schon näherte sich ein Hoffnungsschimmer in Form eines Blaulichts, das uns der Schnee widerspiegelte, noch bevor das Feuerwehrauto um die Ecke bog. Zu unser beider Erstaunen sprangen sechs, sieben, acht oder gar neun uniformierte Feuerwehrmänner aus dem Wagen. Kurz nahmen sie die Situation in Augenschein. Dann aber, wie die Räder eines Uhrwerks wusste ein jeder, was er zu tun hatte, welche seine Rolle, welches sein Werkzeug war, wo im Wagen sich das Werkzeug befand, wie er damit umzugehen hatte. Innerhalb weniger Minuten war mein Auto über den Randstein gehoben, ihre Geräte wieder fein säuberlich, jedes an seinem Platz, im Wagen verstaut, Andreas vereinbarte mit ihnen, dass er sie bei nächster Gelegenheit auf ein Wiener Schnitzel einladen würde, und schon waren sie wieder weg. Fassungslos stand ich da, noch eine Weile nachdem sich das blinkende Blaulicht verflüchtigt hatte. Das erste Mal in meinem Leben war ich dem Zauber des Funktionierens begegnet. Hannibal Smith aus der Fernsehserie Das A-Team kam mir in den Sinn, wenn er triumphierend seinen Kultsatz ablieferte: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“.  Ich, der ich mich ein Lebtag lang auf Beziehungs- und Kreativthemen spezialisiert hatte, musste in mir entdecken, wie sehr es mich fasziniert, wie sehr ich es liebe, wenn ein Plan funktioniert.

Funktionieren steht ja nicht im Gegensatz zu Beziehung oder Kreativität. Es hängt unmittelbar damit zusammen. Wie viele Beziehungsbrüche ich schon erlebt habe, nur weil etwas nicht funktionierte! Wie viel Kreativität ich auf halbem Wege stecken bleiben gesehen habe, nur weil etwas nicht funktionierte! Gleichzeitig war ich erst vor Kurzem Zeuge davon, wie in einer bestimmten Abteilung eines Krankenhauses überhaupt nichts funktionierte, Leben auf’s Spiel gesetzt wurden, weil sich der dortige Primararzt als gänzlich beziehungsunfähig erwies, weil er in seinem grenzenlosen Narzissmus, in seinen überbordenden Allmachts- und Allwissenheitsgefühlen alle Beteiligten der Fähigkeit beraubte, das einfachste Funktionieren zu gewährleisten. Ich erlebe es in so vielen Unternehmen, dass Defizite im Beziehungsmanagement und der Unternehmenskultur die unglaublichsten Fehler verursachen und jegliche Kreativität zum Erliegen bringen. Beziehung, Kreativität und Funktionieren sind wie ein Dreifuß. Wenn einer aus lässt, fallen auch die anderen um.

Das Erlebnis mit der Feuerwehr hat in mir die Lust aufs Funktionieren geweckt, auch wenn es mir immer noch sehr schwer fällt. Seither habe ich das Funktionieren aber auch, mehr als früher, in meine Seminare eingebaut in dem Versuch, exzellentes Funktionieren mit exzellenten Beziehungen sowie mit Kreativität und Zukunftskraft zu verbinden. Freilich, Improvisation und Unvollkommenheit haben ihren Charme und ich möchte niemals auf sie verzichten (selbst wenn ich dazu imstande wäre). Aber es ist einfach geil, wenn ein Plan funktioniert.

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