Die Quelle

Das Leid und die Sorgen der von der Jahrhundertflut Betroffenen sind längst aus den Schlagzeilen der Medien verschwunden. Die Flüsse sind wieder in ihr Bett zurückgekehrt. Sanft und friedlich, als wäre nichts geschehen, gleiten die Wasser ihrem Ziel entgegen.

Jeder Fluss entspringt permanent an seinem Quell. Ohne seinen Quell wäre er nicht dieser Fluss, weder in seiner sanften, wohltuenden, fruchtbringenden Wirkung noch in seiner zerstörerischen. Dieser Gedanke ging mir durch den Kopf, als ich kürzlich einen Workshop für eine Firma in Italien leitete. Der Unternehmensgründer, ein großartiger Mann, der den Betrieb mit fünf Mitarbeitern übernommen hatte, heute sind es 3.500, er zieht sich nun zurück. Seine Söhne, überaus kompetente Manager, und ihre Vorstandskollegen hatten mich eingeladen, einen Strategieworkshop zu moderieren. Zukunft gehöre zu meiner Kernkompetenz, hatten sie gehört. Zu ihrer Überraschung führte ich sie jedoch zunächst in die Vergangenheit. Sie sollten den Spirit des Unternehmensgründers erfassen, seine ursprüngliche Vision und Mission, seine ausgesprochenen und unausgesprochenen Werte, die Grundschwingung, die er von allem Anfang an dem Unternehmen ein hauchte. Hätten wir das nicht getan, das Unternehmen wäre von seinem Quell abgekoppelt geworden. Sinnentleerung, Orientierungslosigkeit, Grabenkämpfe, Abspaltungen … wären wohl die Folge gewesen. Die Achtsamkeit gegenüber dem Ursprung einer Organisation scheint mir ein unentbehrlicher Erfolgsfaktor zu sein.

Immer wieder errege ich Skepsis, wenn ich, nach den Quellen der FUTURE-Methode gefragt, kaum welche anzuführen weiß als die meine, die in mir selbst nahezu unaufhörlich sprudelnde. Freilich erfährt sie ständig Anregungen für ihr Sprudeln, und meine Dankbarkeit dafür ist ebenso groß wie für das Sprudeln selbst. Viele Menschen sind es derart gewohnt, aus fremden Quellen zu schöpfen, dass ihnen die eigene geradezu als Unwert erscheint. Ich liebe sie, meine Quelle, und ehre sie, und möchte sie niemals versiegen lassen, auch wenn mein Fluss, gleich der Elbe und der Donau, schon manchmal über die Ufer getreten ist. Und wie sie mich verurteilt haben dafür, diejenigen, die unablässig ihre eigene Quelle von Kraft, Kreativität, Erkenntnis und Liebe unterbinden, in deren Kanälen fremde Wasser fließen! Für das Geschenk, dass mein Fluss durch meine Quelle gespeist wird, nehme ich das Risiko gerne in Kauf, dass er dann und wann einmal ausufert.

Die Haut, so weiß wie Schnee, die Lippen, so rot wie Blut, und die Haare, so schwarz wie Ebenholz – ich erzähle nicht die Geschichte vom Schneewittchen, sondern von Miriam, einem hübschen, zarten, stillen Mädchen, 16 Jahre alt, und nun zum zweiten Mal in der Schule durchgefallen. Ihr Vater hatte sie zur Strafe für einen Monat in den Ferien arbeiten geschickt. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass dies kein motivierender Einstieg ins Arbeitsleben sei, wenn Arbeit mit Strafe gleichgesetzt würde. Er konterte, dass die meisten Menschen Arbeit als eine Art Strafe empfänden. Wer würde schon arbeiten gehen, wenn er es nicht des Geldes wegen tun müsste? „Es gibt nicht viele, die, so wie du und die Menschen rund um dich, ihre Arbeit gerne und mit Enthusiasmus tun“, fügte er hinzu. Ich war verblüfft und wohl auch ein wenig resigniert über seine Antwort. Wenn ich nicht arbeite, um meine Stärken zur Wirkung und die mir innewohnenden Potenziale zur Entfaltung zu bringen, wenn ich nicht arbeite, um meinen Beitrag für andere und das größere Ganze zu leisten, wenn ich meine Arbeit nicht tue, weil sie Teil meines Lebens- und Entwicklungsweges  ist, sondern nur, um am Monatsende ein paar oder auch viele Euro überwiesen zu bekommen, dann bin ich wie ein Fluss, der von seiner Quelle abgeschnitten ist. Er wird, von fremden Wassern gespeist, als etwas anderes als er selbst, seinen Lauf nehmen, oder er wird austrocknen, im Erdboden versickern.

Ich bin gegenüber von einem Kloster aufgewachsen, kannte sie alle, die Patres, bin schließlich ein eifriger Ministrant gewesen und später Organist. Einer von ihnen war anders, nicht vollgepfropft mit Glaubenssätzen, offen für Menschen in ihrem Sosein, durchlässig. Er redete nicht über Liebe sondern liebte. Er litt an Asthma und starb allzu jung. „Mir scheint, Gott erschafft uns in jedem Jetzt“, sagte er einmal in einem Gespräch. Und es wurde ganz still im Raum, wenn er so seine Seele sprechen ließ. Und nach einer kurzen Pause: „Gott ist der Quell und wir sind der Fluss.“

Ein Kommentar zu “Die Quelle

  1. Lieber Wolfgang,
    es ist wunderbar und gleichsam erfüllend im Fluss zu sein…

    Nochmals Danke für die grandiosen Tage!
    Liebe Grüße Helmut

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