Ich bin

Ich behaupte: Solange wir fortfahren zu glauben, wir wären nichts als intelligente Viecher, die sich auf zwei Beinen fortbewegen, wird sich nichts Wesentliches in der Welt ändern. Dieser Glaube ist verantwortlich für das Desaster, das im Zuge der umfassenden Krise, in der sich Mensch und Natur befinden, offenbar wird.

Die Wissenschaft geht von diesem Menschenbild aus. Ebenso die Politik, die Wirtschaft und der öffentliche Diskurs insgesamt. Und der Religion – egal welcher – kommt es sehr entgegen. Sie leitet daraus ihr Alleinstellungsmerkmal ab, zu wissen, was richtig und falsch  sei, und den Auftrag, den Menschen auf etwas Höheres hin auszurichten, dessen Mittelsmänner und Botschafter ihre Repräsentanten seien.

Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, ein Menschenbild durch ein anderes zu ersetzen. Bilder sind nicht die Wirklichkeit. Sie mögen die Wirklichkeit oder Teile von ihr beschreiben, aber wirklich ist letztlich nur das, was ich erlebe, erfahre, erspüre, erahne. Um die Wirklichkeit zu begreifen, genügt es nicht, an Bilder zu glauben. Glauben heißt, nicht wissen, sagt man, glauben heißt, nicht erleben, erfahren, erspüren, erahnen. Sokrates‘ Methode, zur Wahrheit zu finden, bestand darin, zu fragen. Fragen eröffnen innere Räume, in denen sich dann wohl auch Antworten finden. Und wenn diese Fragen völlig unvoreingenommen gestellt werden, dann tauchen nach meiner Erfahrung jene Antworten auf, die wirklich die meinen sind, und nicht jene, die irgendwelche Systeme, denen wir angehören, vorgeben. Unsere Wirklichkeit finden wir nur in uns, in unserer Mitte, in unserem von Glaubenssätzen unberührten Wesenskern. Die Wirklichkeiten anderer können uns Impulse geben, unsere eigene zu finden, niemals aber die eigene ersetzen.

Also frage ich mich zunächst: Bin ich ein Tier? Ja, ein richtiges Viech bin ich. Nicht nur, dass ich, wie die  Ratte, das Schwein, der Affe, angetrieben durch die Wucht hormoneller Stürme, gezeugt, geboren, gesäugt, behütet, in die Herde eingegliedert wurde, und abgesehen davon, dass ich selbst gezeugt, für Futter gesorgt, meine Kinder behütet und großgezogen habe und diese ihrerseits so früh begonnen haben, das selbe wieder zu tun, dass wohl in absehbarer Zeit die Enkelkinder dran sein werden, in diesen Kreislauf einzutreten, also abgesehen davon, dass ich meine Existenz auf dieser Welt ebenso wie die meiner Kinder und Enkelkinder dem durchaus tierischen Reproduktionsmechanismus verdanke, kann ich nicht leugnen, dass ich auch sonst in hohem Maße getrieben bin durch meine animalischen Instinkte, dass ich Angst empfinde wie das Vieh, mitunter aggressiv werde, Freude habe an Bewegung und körperlichen Herausforderungen, und es dann wieder genieße, so richtig faul zu sein, dass mir das Wasser im Mund zusammenrinnt angesichts bestimmter Speisen und ich andere Nahrungsmittel zum Kotzen finde. Und wie andere Herdentiere auch möchte ich dazu gehören und fürchte mich davor, ausgeschlossen zu werden, möchte ich Geltung haben in der Gemeinschaft, eine wichtige Position bekleiden, besser, stärker, attraktiver als andere sein, möchte ich siegen und nicht verlieren und Macht haben über andere. Und vor allem  möchte ich überleben, ich möchte körperlich und sozial überleben, und ich möchte, dass die Gemeinschaften, denen ich angehöre überleben, nicht anders als die Wölfe, die Gnus und was sonst noch so herum kreucht und fleucht auf unserem weiten Erdenrund. Dass ich zumeist mit Messer und Gabel esse und das Licht anknipse, wenn es dunkel wird, unterscheidet mich nicht fundamental vom Vieh. Die Über-lebensmechanismen sind letztlich immer die gleichen. Irgendwie erschütternd, so viel Viech zu sein, nicht? Und trotzdem empfinde ich Freude daran, es mir einzugestehen.

Natürlich habe ich gelernt, das Tier in mir zu kontrollieren. Selbst wenn ich es möchte, gelänge es mir nicht, mich völlig hemmungslos meiner Tiernatur zu ergeben. Ehrlich gesagt, stört mich diese Unfreiheit, auch wenn sie mich oft davor bewahrt hat, Unheil anzurichten. Und es stört mich mein Urteilen, sei es nun bewusst oder unbewusst, es stört mich, dass ein Teil in mir, Freud nennt ihn das Über-Ich, ständig über den animalischen Anteil in mir richtet. Mich stören die Tabus, mich stören die Ge- und Verbote, die da in mir wirken und mich in meinen Handlungsweisen einschränken. Lieber würde ich aus freier Verantwortung mit meiner Tiernatur umgehen, lieber würde ich, wie ein Reiter auf dem Pferd, selbst die Zügel in die Hand nehmen, anstatt sie dem mir von meinem sozialen Umfeld tief eingebrannten Wahrnehmungs-, Denk- und Empfindungssystem zu überantworten. Lieber bin ich selbstbestimmt als äußeren und inneren Systemen unterworfen.

Ich darf mich nicht beklagen. Ich hatte das Privileg, ein Leben zu führen, das es mir ermöglichte, mich immer mehr herauszuschälen aus dem Gefangensein in den inneren und äußeren Systemen, mich immer mehr hinein zu entwickeln in die Freiheit, ich selbst zu sein. Aber was ist nun dieses Ich-selbst-sein? Ich bin in diese Familie hineingeboren, in diese Stadt, dieses Land, diese Religion, diese Zeit, ich habe diese Schulen besucht, diese Studien absolviert, diese Freunde gehabt, diese Berufe ausgeübt, diese Familie gegründet, diese Firmen gegründet, diese Methode entwickelt, in verschiedenen Ländern gelebt, verschiedene Sprachen gelernt, in den verschiedenen Systemen habe ich bestimmte Positionen, Rollen, Aufgaben gehabt, dies alles und noch viel mehr hat mein Wahrnehmungs-, Denk- und Empfindungssystem geprägt, aber bin ich das? Ich kann dieses System betrachten, es mir bewusst machen, ich kann Verantwortung dafür übernehmen, ich kann es steuern, es ist tatsächlich wie ein Pferd, das ich reiten und leiten kann. Also bin ich nicht das System, nicht das Pferd sondern der Reiter. Und ich kann ebenso das Pferd reiten, das mein Körper ist. Ich habe das Potenzial, Verantwortung für ihn zu übernehmen und ihn so zu leiten, dass es ihm gut geht, und dass er mir für meine Aufgaben zur Verfügung steht. Ich bin – zumindest potenziell – der Chef meines Denkens und meines Körpers. Ist das nicht phantastisch? Das unterscheidet mich vom Tier, dass die Instanz, die ICH bin, von seiner natürlichen Bestimmung her dem Körper und dem Denken übergeordnet ist, dass MIR das System des Körpers und jenes des Denkens als Instrumente dienen, meine Aufgabe in dieser Welt zu erfüllen. Die Instanz, die ICH bin, habe ich „Wesen“ genannt, das einmalige, einzigartige, unverwechselbare und unvergleichbare Wesen, das jeder Mensch in seiner Essenz ist vom ersten bis zum letzten Atemzug und, wie manche meinen, darüber hinaus.

Ich verstehe schon, dass sich die Wissenschaft schwer tut, das Wesen als Kern unseres Menschseins anzuerkennen. Es ist schließlich nicht sichtbar, nicht messbar, nicht beschreibbar. Und doch können wir es erahnen. Wenn wir etwa mit einem Baby in Kontakt treten, womit treten wir in Kontakt? Mit dem Körper? Mein Gott, der Körper eines Babys, dieses kleine, putzige Ding da, ist doch nicht das, was uns unter die Haut geht, was uns berührt und im Herzen bewegt! Ist es sein Denken, sein Charakter? Beides ist noch kaum entwickelt. Also, was ist es dann, wenn nicht sein Wesen, das uns erspüren lässt: Du bist unverkennbar DU. Was auch immer aus deinem Leben wird, hinter allem Wahnsinn, hinter allem Großartigen oder Mittelmäßigen wirst immer DU zu finden sein. Du bist in diese Welt hereingeboren als ein Geschenk, ein unschätzbares Geschenk, jenseits aller Wertungen. So ähnlich mag man empfinden, wenn man sich von Herzen einlässt auf ein neugeborenes Kind.   Auch wenn es wissenschaftlich schwer fassbar ist, können wir es doch wahrnehmen, das Wesen. Es existiert nicht nur, was wir mit unseren fünf Sinnen erfassen oder sonst wie messen können. Nicht umsonst verfügen wir auch über so etwas wie einen sechsten Sinn.

Ganz ich selbst sein, ist es nicht das, wonach wir uns zutiefst sehnen? Einfach nur ich selbst sein, mich selbst wahrnehmen, spüren, leben?  So wie ich mich mitunter spüre in einer Liebesnacht, beim Musizieren, in einer Coaching Sitzung oder wenn ich mit einem Kind spiele, beim Laufen, wenn ich ganz allein weit draußen im Meer schwimme oder im Winter abends noch mit den Fellen eine Schipiste hinauf wandere, nur ich und der Wald und das Firmament und die Berggipfel rings um mich? Ja, ich bin, und dieses ICH BIN hat nichts zu tun mit dem Mangel und dem Überlebenskampf des Tieres. ICH BIN ist Fülle. ICH BIN ist Liebe. ICH BIN ist Glück und Staunen und Demut und meinen Platz im Leben einnehmen. ICH BIN ist meine wahre Natur, ist Menschsein.

In meinem nächsten Beitrag folgt eine Fortsetzung dieser Betrachtungen.

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