Empört Euch!

Vieles verstehe ich nicht. Im Vatikan hat man einen Sekretär verurteilt, weil er sexuellen Missbrauch, Ungereimtheiten der Vatikanbank und Ähnliches an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Kürzlich hat man einen gewissen Bradley Manning zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Kriegsverbrechen im Rahmen des Irakkriegs an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Ein anderer junger Mann, namens Edward Snowden, wird verfolgt, weil er Gesetzesbrüche der anglo-amerikanischen Schnüfflerorganisationen aufgedeckt hatte. Es scheint so, als wäre es ein Verbrechen, ein Gewissen zu haben, und als gälte es, gewissenlose Verbrecher zu schützen. Mich betrifft das. Schließlich zähle ich mich selbst zu jenen, die ein Gewissen zu haben.

Es be-trifft mich natürlich überhaupt alles, was in der Welt passiert, ob ich nun davon Bescheid weiß oder nicht, ob es in meiner Nähe geschieht oder am anderen Ende der Welt. Ich bin doch Teil des großen Netzwerks der Menschheit, und insofern immer Betroffener. Gleichzeitig betreffe auch ich alle anderen mit den Dynamiken, die ich in das Netzwerk einspeise durch die Qualität meines Handelns, Kommunizierens, Denkens, durch die Qualität meines Seins. Schließlich entscheidet jeder einzelne Knoten mit über die Festigkeit oder Brüchigkeit des Netzes. Jeder Knoten hat Mit-Verantwortung für das gesamte Netz.

Manchmal würde ich gerne Stephane Hessels Aufruf „Empört Euch!“ folgen. Alle die Kriegstreiber, die Spalter, diejenigen, die mit dem Hunger von Millionen einträgliche Geschäfte machen…, das Angebot an Bösen auf dieser Welt ist reichlich, gegen die ich mich erheben könnte. Ich würde wohl auch viel Zustimmung dafür ernten. Allerdings komme ich nie weit mit meiner Empörung. Kaum will ich mit dem Vorspiel dazu beginnen, meldet sich schon mein Herz zu Wort. „Möchtest du zu dem Negativen der anderen deine eigene Negativität noch hinzufügen?“, fragt es. „Meinst du allen Ernstes, dass dadurch etwas positiver wird auf der Welt?“ Eine entwaffnende Frage. Zwar bin ich kein Landwirtschaftsexperte, aber so viel verstehe ich davon, dass ich nicht erwarte, Kartoffel zu ernten, wenn ich Unkraut gesät habe. Wenn ich also Negatives aussäe, werde ich nicht Positives ernten. „Was ist dein Beitrag zu einer besseren Welt?“, fragt mich mein Herz weiter. „Was ist dein Beitrag, die Qualität deines Seins zu verbessern? Und was könnte dein Beitrag sein, die Menschen in deinem Umfeld zu stärken und fördern? Was könnte schließlich dein Beitrag zur Bewusstseinsentwicklung einer größeren Öffentlichkeit sein?“ Und so gerät mir die Empörung, noch bevor sie richtig ausgebrochen ist, zu einem inneren Auftrag, etwas Positives, Konstruktives zu bewirken für mich selbst, für andere und das große Ganze.

Manchmal allerdings kann ich nicht an mir halten. Und dann schimpfe ich los, zeige mich derart entsetzt und erschüttert über das Böse, dass ich die Stimme meines Herzens gänzlich überhöre. Wenn ich es dann irgendwann doch zu Wort kommen lasse, stellt es mir die Frage: „Brauchst du das wirklich, die Welt in Gute und Böse zu spalten? Brauchst du es wirklich, Dich selbst als den Guten zugehörig zu produzieren, indem du die Bösen verurteilst? Wahrhaft gut sind wir erst im Annehmen des Bösen.“

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