Nach der Schlacht ist vor der Schlacht

Nun sind sie geschlagen die Wahlschlachten in Deutschland und Österreich. Was geblieben ist, sind Gräben, schwer zu überbrückende Gräben. Und erhitzte Köpfe – duselig noch von dem langen Wahlkampf, in dem sie sich ganz auf das Trennende fokussiert hatten, scheinen sie nun kaum fähig, sich des Gemeinsamen zu besinnen. Nach der Wahlschlacht folgt notgedrungen das Ringen um Koalitionen, die keiner will, weil jeder nur das Eigene sieht und kaum jemand das Ganze.

In Italien, so entnehme ich den Nachrichten, sind 40% der Jugendlichen arbeitslos, aber die Parteien dort beschäftigen sich nahezu ausschließlich mit sich selbst, mit ihrem öden Hickhack jeder gegen jeden. Und in den USA läuft der Staat Gefahr, pleite zu gehen, weil sich die Parteien mit der gleichen Inbrunst bekämpfen wie manche Ehepaare bei ihrer Scheidung, wenn sie alles Hab und Gut samt ihren Kindern zerstören, nur um dem verhassten Partner einen möglichst großen Schaden zuzufügen. Die nächste Eskalationsstufe sind dann die islamistischen Gotteskämpfer, die sich selbst in die Luft sprengen mit dem einzigen Ziel, möglichst viele Menschen, die sie nicht einmal kennen, und die ihnen nie etwas getan haben, mit in den Tod zu reißen. So geht das nicht.  Diese Form der Demokratie ist nicht zukunftsfähig. Wenn wir sie nicht rasch weiterentwickeln, wird sie in sich zusammenfallen, nicht anders als seinerzeit das Kaiserreich. Und das käme einer Katastrophe gleich.

Aber blicken wir zurück in geschichtliche Epochen, als sich einzelne gesellschaftliche Gruppierungen auf Kosten anderer  des Gemeinwesens bemächtigten und den anderen nur das Mittel einer Volkserhebung übrig ließen, um zu ihrem Recht zu gelangen, welche freilich zumeist blutig im Keim erstickt wurde! Im Vergleich dazu stellt unsere Demokratie, in der die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen miteinander im Parlament mit Worten statt mit Waffen um einen Ausgleich ringen, eine großartige zivilisatorische Errungenschaft dar. Heute allerdings ist es nicht mehr genug, dass jede Gruppierung ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgt und durchzusetzen sucht. Jede Organisation, jede Berufs- und  Interessensgruppe, jede politische Partei bezieht doch letztlich ihre Existenzberechtigung aus dem Beitrag, den sie im Kontext der Gesellschaft, des Staates, letztlich der ganzen Menschheit leistet. Nichts existiert allein für sich. Also gilt es doch, bei allem auch das Wohl des größeren Ganzen mit zu berücksichtigen! Dient es denn dem Wohle des Ganzen, wenn einer des anderen Feind, des anderen Konkurrent, des anderen potenzieller Sargnagel ist, frage ich mich. Passt das denn noch in unsere Zeit? In unsere Zeit, in der evident geworden ist, dass wir alle miteinander verbunden sind, in der wir vor Problemen stehen, die wir nur und ausschließlich gemeinsam lösen können? Eine solche Orgie des Trennenden zu veranstalten, wie wir sie in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt haben, kommt das nicht einem Anachronismus gleich?

Mag sein, dass der Schlüssel zu einem Paradigmenwechsel im Begriff der Macht liegt. Ist ein Lehrer nicht fehl am Platz, wenn er seine Position zur Machtausübung nutzt? Oder ein Arzt oder ein Bischof oder ein Beamter oder ein Vorgesetzter oder ein Hausmeister? Sind die Kompetenzen, die mit diesen Rollen verbunden sind, nicht dazu da, einen Beitrag zu leisten für die Menschen, für die Gesellschaft, sind sie nicht dazu da, sie in den Dienst zu stellen? Warum sollte für eine Regierung etwas anderes gelten? Wem es um die eigene Macht geht, ist fehl am Platz. Wem es um die eigene Macht geht, hat immer nur Machtgewinn und Machterhalt im Sinn, dem geht es unvermeidbar immer nur um sich selbst. Er wird seine Macht schon auch nutzen, etwas Vernünftiges zu gestalten, aber nur notgedrungen, um irgendwie zu rechtfertigen, dass man ihm diese Macht verliehen hat. Und er wird auch mit anderen zusammenarbeiten, um seine Macht zu erhalten, nicht aber, um dem größeren Ganzen zu nutzen. Solange wir Macht als vorherrschendes Motiv dem politischen Handeln zugrunde legen, wird die Politik die sein, die sie ist, und diese ist nicht zukunftsfähig.

Unser Demokratiemodell scheint von der Annahme auszugehen, dass sich die einzelnen Interessensgruppen und Parteien zwangsläufig in einer konfliktären Beziehung zueinander befänden – des einen Vorteil wäre der Nachteil des anderen – und dass sich der Zusammenhalt der Gesellschaft durch eine zivilisierte Austragung dieser Konflikte in Form von Verhandlungen oder Debatten im Parlament (wobei dem Zuhörer solcher Redeschlachten der Begriff „zivilisiert“ sicher nicht als erstes einfallen wird) erreichen lasse. Konflikt als Mittel für gesellschaftlichen Zusammenhalt, eine etwas absurde Idee! Aber, das gilt es anzuerkennen, sie hat mehr recht als schlecht funktioniert in den letzten Jahrzehnten. Die Frage erhebt sich jedoch, ob die Hypothese, die einzelnen Interessen wären gegeneinander gerichtet, die beste aller möglichen ist. Ist es tatsächlich so, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer entgegengesetzte Interessen haben? Steigen die Löhne, vermindert dies den Profit, sind die Löhne niedrig steigt der Profit, also, legt man mehr auf die eine Waagschale senkt sie sich auf Kosten der anderen. Das ist die eine Realität. Aber die viel elementarere Realität ist doch die, dass die Arbeitnehmer alles Interesse daran haben, dass es dem Unternehmen gut geht. Geht es dem Unternehmen schlecht, leiden auch die Mitarbeiter. Andererseits hat auch das Unternehmen ein vorrangiges Interesse daran, dass es den Mitarbeitern gut geht. Es braucht ja doch nicht nur deren mechanisches Funktionieren sondern auch deren Ideen, deren Mitdenken und Mitgestalten, es braucht doch auch die Herzen seiner Mitarbeiter. Mit leerem Bauch denkt man aber nur an den eigenen Bauch, aus dem eigenen Mangel kreiert man auch dem Unternehmen Mangel. Die eine Waagschale hat ohne die anderen keinen Wert. Der klassische Manager ist der kurzsichtige Anwalt des Unternehmensprofits auf Kosten aller anderen Steakholders. Leadership hingegen stellt das Ganze in den Vordergrund, übernimmt Verantwortung dafür, dass es allen Beteiligten gut geht. Langfristig haben wir nur gemeinsam Erfolg.

Nur gemeinsam haben wir Erfolg, das gilt für jede Gemeinschaft, von der Familie bis zum Staat, bis zur EU, bis zur gesamten Menschheit. Im Gegeneinander gehen wir unter. Gemeinschaft bedeutet nicht, dass alle gleich geschaltet sind, und auch nicht, dass die Divergenzen unter den Tisch gekehrt werden. Gemeinschaft entsteht durch Unterschiedlichkeit, durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Vorzüge und Stärken, aber nur dann, wenn das Gemeinsame in den Vordergrund gestellt wird, wenn sich das Einzelne in den Dienst des Ganzen stellt. Andernfalls führen die Unterschiedlichkeiten zu Konflikt. Eine Weiterentwicklung der Demokratie setzt voraus, dass sich die handelnden Gruppierungen zum Dienst am größeren Ganzen und zur Zusammenarbeit bekennen.

Aber wer sollte diesen Mentalitätswandel herbeiführen? Der Chef. Das kann nur vom Chef ausgehen. Und der Chef sind wir, das Volk, der sogenannte Souverän, das heißt, der Höchste. Es genügt nicht, wenn der Souverän schimpft über die Politiker, die er selbst gewählt hat. Es genügt nicht, über deren reflexartiges Verhalten der gegenseitigen Abwertungen angewidert die Nase zu rümpfen. Es braucht, dass wir die Richtungsänderung vorgeben. Und wie tun wir das? Indem wir uns unserer Würde besinnen. Ich finde es unmöglich, absolut würdelos, wie sich die Politiker gegenseitig ihre Würde zu nehmen suchen. Noch würdeloser ist es, was die Medien tun, wenn sie einerseits den Fight anheizen, nur um sich dann über die Kämpfer lustig zu machen. Aber die Medien tun das, weil es ihre Konsumenten so verlangen. Je würdeloser desto größer der Verkaufserfolg. Offenbar ist es an der Zeit, uns selbst unserer Würde zu besinnen. Offensichtlich ist es an der Zeit, damit aufzuhören, unsere persönlichen Konflikte auf die Politik zu projizieren und diese in ihrem Wahn zu bestärken, das Leben wäre eine Jagdgesellschaft und sein Sinn bestünde darin, dass einer den anderen zu fressen sucht.

Das Leben ist keine Jagdgesellschaft. Es bietet uns vielmehr Gelegenheit, das zu tun, was uns glücklich macht: Füreinander da zu sein und uns gemeinsam in den Dienst des größeren Ganzen zu stellen. In dem Maße, in welchem wir das in unserem Leben verwirklichen, wird sich auch die Politik ändern. In dem Maße, in welchem wir uns gegenseitig in unserer Würde anerkennen, und dadurch selbst an Würde gewinnen, in dem wir es mit Abraham Lincoln halten, der auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept antwortete „Ich sage über niemanden etwas Schlechtes und jeden alles Gute, das ich weiß“, in dem Maße, in welchem wir hörbar einmahnen, dass die politischen Gruppierungen ihre Kräfte bündeln zum Wohle des Landes und seiner Menschen anstatt sie im täglichen Hickhack zu erschöpfen, werden wir auch in der politischen Kultur einen Paradigmenwechsel bewirken.Nehmen wir’s in die Hand! Wir sind der Chef.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s