Glückliche Kinder

Ich gehöre ja nicht zu den Leuten, die den guten alten Zeiten nachtrauern. Jede Zeit hat ihre Vorzüge und ihre dunklen Seiten – wie alles im Leben, nicht wahr? Aber auf jeden Fall war’s nicht besser in der Vergangenheit. Wäre es so, hätte meine Generation ja wohl gänzlich versagt. Diejenigen, die davon schwärmen, wie gut doch früher alles gewesen sei, haben offensichtlich wenig Verantwortung für die Gestaltung ihrer Zeit übernommen. Wahrscheinlich sehen sie sich als Opfer, ausgeliefert irgendwelchen bösmeinenden Mächten, chancenlos, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und schon gar nicht das Schicksal unserer Gesellschaft. Wir können aber etwas tun, dass unsere Welt eine bessere wird. Ich meine, wir sind alle berufen, etwas dafür beizutragen.

Im Übrigen bin ich zutiefst überzeugt, dass die Zukunft noch viel besser wird. Worauf sich diese Überzeugung gründet? Wenn ich zu den Kindern und jungen Menschen hinschaue, kann ich nicht anders, als optimistisch zu sein. Sind sie nicht großartig? Dass sie oft nicht mehr hineinpassen in die alten Systeme, die ihnen die Schule und die Arbeitswelt vorgeben, irritiert mich überhaupt nicht. Ich hab‘ mich ja auch nicht daran gestoßen, wenn meine Kinder aus ihren alten Kleidern herausgewachsen waren. Darüber habe ich mich doch gefreut! Das Gejammere, das Lehrer und Vorgesetzte oft veranstalten, stellt nicht die jungen Leute sondern sie selbst in Frage.

Ich weiß schon. Es gibt eine große Anzahl von Problemkindern. Das sind solche, die Probleme haben, und zwar tiefgreifende, auf Grund sozialer, emotionaler und geistiger Verwahrlosung, oder weil ihnen die Familie als Sicherheit spendender Hort weggebrochen ist, oder weil der kulturelle Brückenschlag zwischen ihrem Elternhaus und der hierzulande vorherrschenden Lebensweise nicht gelungen ist… Kinder, die Probleme haben, machen dann auch häufig Probleme. Mitunter müssen sie jedoch feststellen, dass sich niemand dafür zuständig fühlt, nicht die Eltern, nicht die Schule, nicht die Kirche oder sonst eine gesellschaftliche Einrichtung.  Irgendwann vielleicht die Polizei und die Gerichte. „Liebt uns!“, rufen sie von der anderen Seite des Flusses herüber. „Wollt unser Glück!“, fordern sie uns auf. Aber sie bleiben wohl ungehört, sonst wären sie keine Problemkinder.

Ich kenne viele Eltern, die das Glück ihrer Kinder wollen, die es nicht nur wollen, sondern die die Kinder mit solcher Sorgfalt und solchem Einfühlungsvermögen auf ihrem Entwicklungsweg begleiten, dass sie das gewünschte Ergebnis tatsächlich erreichen. Glückliche Kinder sind Glückspender, nicht nur für ihre Eltern sondern für die ganze Welt. Ich kann mir kein höheres, lohnenderes Ziel in diesem Erdendasein vorstellen als glückliche Kinder.

In der öffentlichen Diskussion hingegen kommt dieses Ziel kaum vor. Kinder werden als wichtig angesehen für die Aufrechterhaltung des Pensionssystems. Außerdem will man die Schule reformieren, weil die Wirtschaft gut ausgebildete Fachkräfte braucht. Schließlich bietet man den Kindern KITAs, damit ihre Eltern möglichst bald nach ihrer Geburt wieder in den Produktionsprozess zurückkehren können („Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“, dieser Song hat heute noch mehr Aktualität als damals, als er zum Hit wurde). Glückliche Kinder als ein gesellschaftlicher Wert, als gesellschaftliches Ziel, das kommt jedoch nicht vor. Wenn die Kinder glücklich sind, entfalten sie ohnehin die in ihnen angelegten Potenziale und leisten ihren bestmöglichen Beitrag in der Gesellschaft. Da muss man sich keine Sorgen um das Pensionssystem und die Wirtschaft machen. Glückliche Kinder sind der Garant für eine glückliche Zukunft. Aber darüber ist weder in den Ansprachen der Politiker noch in den Predigten in der Sonntagsmesse und schon gar nicht in der Schule die Rede. Seltsam, nicht?

Seltsam erscheint mir auch, dass zwar viele Eltern alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte und Fähigkeiten für das Glück ihrer Kinder einsetzen, dass sie sich aber für jenes der Problemkinder so gar nicht verantwortlich fühlen. Wenn ich das Glück meines Kindes will, wie kann ich nicht auch das Glück der anderen Kinder wollen? Freilich ist es nicht möglich, für alle jene Kinder da  zu sein, denen das für ihr Glück Notwendige fehlt. Aber die Liebe, die Sorgfalt und das Einfühlungsvermögen ausschließlich dem eigenen Kind vorzubehalten, fehlt da nicht was? Fehlt da nicht was ganz Wesentliches? Glückliche Kinder sind der Garant für eine glückliche Zukunft, nicht nur die eigenen.   Für ihr Glück sind wir alle zuständig.

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