Joooo

Eder hieß mein Banknachbar im Gymnasium, ein durch und durch fröhlicher Kerl, dem nicht einmal die sich selbst so ernst nehmende Schule seinen Humor zu nehmen vermochte. Immer wenn er aufgerufen wurde, antwortete er mit einem langgezogenen „Joooo!“. Es klingt mir heute noch erheiternd in den Ohren.

Jooo, ich bin optimistisch, was die Zukunft der Menschheit anlangt. Optimistisch bin ich, weil wir so tief in der Krise stecken und immer tiefer in die Krise hineinschlittern. Was uns da noch an Umweltkatastrophen, an wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen aufgetischt wird, davon haben wir gerade einmal am Aperitif genippt. Die Krise stellt uns in zunehmender Unerbittlichkeit vor eine Entscheidung: Entweder wir halten am Alten fest, bis die Zukunft wie ein böses Schicksal über uns hereinbricht, oder aber wir richten den Blick nach vorne und lassen uns ein auf das Neue. Es lacht ohnehin bereits  wie die Frühlingssonne beim Fenster herein und lädt uns ein, den Schritt hinaus zu wagen aus den alten, scheinbar heimeligen Gemäuern, die uns längst keine Wärme und Sicherheit mehr geben, sondern uns zu erschlagen drohen.

Jooo, sie haben ein Fundament, diese Gemäuer, ein sehr, sehr altes Fundament. Vielleicht ist es jenes, das bereits Kain und Abel gelegt hatten: Entweder ich bin der Geliebte oder du, entweder ich bin der Gute oder du, entweder ich bekomme das größere Stück vom Kuchen oder du, entweder ich setze mich durch oder du, entweder ich habe Recht oder du, entweder ich überlebe oder du.  Es ist das Prinzip Entweder-Oder, das Prinzip des Überlebenskampfes: Das Ich steht im Gegensatz zum Du, das Wir im Gegensatz zum Ihr. Dass das Ich nur überlebt, wenn auch das Du überlebt, dass es uns nur gut gehen kann, wenn es auch euch gut geht, das wussten Kain und Abel damals noch nicht. Es war ja auch Steinzeit. Vielleicht waren zu jener Zeit nicht nur die Werkzeuge sondern auch die Herzen der Menschen aus Stein. Vielleicht verstanden sie nicht, dass es gerade dieses Entweder-Oder war, das ihnen das Überleben so unendlich schwer machte, dass das jeweils Eine meinte, das jeweils Andere bekämpfen zu müssen.

Ich will mich hier nicht über jene auslassen, die in der Mentalität der Steinzeit stecken geblieben zu sein scheinen, ich ertappe mich ja selbst immer wieder dabei. Immer dann ertappe ich mich dabei, wenn es nicht das Herz ist, das mich leitet. Das Herz ist die Instanz in uns, die uns in Kategorien von Sowohl-Als-auch wahrnehmen, denken und handeln lässt. Dem Herz erscheint es als selbstverständlich, dass mich selbst zu lieben, nicht in einem Gegensatz dazu steht, andere zu lieben. Wenn ich liebe, wenn ich mich in einem Zustand offenen Herzens befinde, dann liebe ich mich ebenso wie dich. Dann liebe ich dich, auch wenn du mir nicht besonders nahe stehst oder nicht meine Interessen teilst. Und dann liebe ich mich, auch wenn ich mir gerade nicht so besonders gefalle. Der Beginn einer Lösung aller persönlichen, gesellschaftlichen und Menschheitsprobleme scheint mir in einem grundlegenden Mentalitätswandel zu liegen, dass sich anstelle des Mangels und des Überlebenskampfes die Fülle unseres Herzens in uns breitmacht – jooo!

Und dazu gibt es einen ersten Schritt: Den Zustand von Mangel und Überlebenskampf bei mir selbst wahrzunehmen und anzunehmen. Und in einem zweiten Schritt, ihn bei anderen wahrzunehmen und anzunehmen. Und mitzufühlen mit mir selbst und anderen, von Herzen mitzufühlen (Mitgefühl ist etwas anderes als Mitleid. Mitgefühl, Empathie ist, wie die Boje im Meer mitzuschwingen mit dem, was mich selbst oder andere bewegt. Mitleid hingegen ist eine Eigenbewegung unseres Denkens und Fühlens, eine Reaktion, ausgelöst durch einen Reiz.). Zum Mitgefühl gehört ein uneingeschränktes Ja, ein bedingungsloses Willkommen zu dem, was ist, auch zu den unangenehmen Aspekten der Wirklichkeit. Wenn uns das gelingt – jooo, Lächeln mag dabei unterstützend wirken, gütig zu lächeln – wenn es uns gelingt, bejahend auf das eigene Defizit, auf das eigene Kämpfen und jenes des anderen Menschen hinzuschauen, ohne es sofort eliminieren, wegoperieren, verdrängen zu wollen, wird sich wohl ein Gefühl großer Dankbarkeit für diese Fähigkeit in uns breit machen, es könnte sich anfühlen wie ein Sieg, ein Sieg des Annehmens nicht des Ausschließens, und aus dieser Dankbarkeit, diesem Sieg entfaltet sich dann jene Dynamik, die zu wirklichen Lösungen führt, zu einer Qualität von  Lösung, die mehr als das kurzfristige Wegmachen des Problems bedeutet, nennen wir sie ein „Heilgewordensein“.

Mangel und Überlebenskampf und alle daraus folgenden Probleme überwinden wir nicht, indem wir sie bekämpfen sondern sie wahrnehmen und annehmen. Mitunter ist das schon die Lösung. Wir können, beispielsweise, Vergangenes nicht verändern, ebenso wenig wie das Wetter oder bestimmte Rollen innerhalb eines Systems oder die Gegebenheiten der Zeit, in der wir leben, oder dass die Welt sich um die Sonne dreht. Schon gar nicht können wir die uns unangenehmen Persönlichkeitsmerkmale anderer Menschen verändern. Je mehr wir dagegen ankämpfen, desto größer werden sie. Was wir verändern können, ist unsere eigene Sichtweise – schauen wir darauf mit den Augen des Überlebenskampfes oder mit den liebevoll bejahenden Augen des Herzens?

Hinschauen allein genügt freilich nicht immer. Zumeist resultiert daraus der Ruf, etwas zu tun. Unser Körper ruft nach einer förderlichen Disziplin, der Klimawandel ruft nach technologischer Neuorientierung, ein Konflikt ruft nach Klärung, der Hunger in der Welt ruft nach neuen Wirtschaftsstrukturen…, es gibt viel zu tun sowohl in unserem persönlichen, familiären, beruflichen wie auch gesellschaftlichen Leben, aber dieses Tun ist von anderer Art und anderer Wirkung, wenn es dem Ja zu dem, was ist, entspringt, als wenn es vom Nein, vom Widerstand, von Auflehnung und Ausschließen getrieben ist. Jooo!!!!

John Wayne hat ausgeritten, der Kampf gegen das Böse, das Andersgeartete, das Unangenehme hat ausgedient, führt nur immer tiefer in die Krise. Das Neue entsteht daraus, dass wir Frieden schließen mit der Wirklichkeit, mit der Wirklichkeit in uns und jener, die uns umgibt. Wenn wir uns dieser Wirklichkeit stellen, erkennen wir, dass es dem Ich und dem Du, dem Wir und dem Ihr bestimmt ist, sich gegenseitig zu stärken und zu fördern und miteinander zu kooperieren,  dass es uns weder bestimmt ist, gegeneinander noch nebeneinander sondern einzig und allein miteinander da zu sein auf dem so überschaubar gewordenen Erdenrund. Jooo, so ist das!

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