Der mit dem Drachen tanzt

Es sind besonders die bösen Witze, die es mir angetan haben. Wie jener:
Wünscht der eine einem anderen: „100 Jahre alt sollst werden – aber sofort!“

Der Humor öffnet das Herz. Und das Herz kämpft nicht gegen das Böse. Im Herzen wird das Schwere oft so leicht, löst sich die verbissene Kaumuskulatur und ziehen sich die Mundwinkel nach oben.

Bei denen mit dem erhobenen Zeigefinger, denjenigen, die genau wissen, wer die Guten und die Bösen sind, bei all den Verzwickten und Verklemmten bleibt das Herz verschlossen wie eine Muschel. Auch die Tapferkeit jener vermeintlichen Helden, die sich dem Drachen entgegenstellen, bei dem ohnehin für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue nachwachsen, ist nicht die Tapferkeit des Herzens. Der mit dem Drachen tanzt, ist wahrhaft mutig. Nur dem, dessen Herz so groß ist, dass es das Böse zu fassen vermag, gelingt es wohl, dem Bösen seine zerstörerische Kraft zu nehmen. Und plötzlich wandelt sich der Drache von einer Schreckensfigur in einen unterstützenden Gefährten, die Anliegen des Herzens zu verwirklichen. Dazu die folgende Geschichte:

Vor langer Zeit wurde die Menschheit von einem bösen Drachen beherrscht. Er flog von Kontinent zu Kontinent, raubte das Vieh aus den Ställen, das er mit Haut und Haar verspeiste, raubte die Jungfrauen aus den Stuben, die er… – das ist nicht überliefert – in jedem Land, an jedem Ort, den er  gleich einer schwarzen, Unheil bringenden  Wolke, heimsuchte, hinterließ er Elend und Tod.

Ein junger Mann entschloss sich, dem Schrecken ein Ende zu setzen und stellte sich dem Drachen, mit einem Schwerte bewaffnet, entgegen. Der Drache war belustigt, konnte es kaum glauben, wollte sich das Kerlchen aus der Nähe betrachten, doch ehe er sich’s versah, hatte dieser ihm schon mit messerscharfer Klinge seinen Kopf abgehackt.  Der tapfere Jüngling schickte sich gerade an, in Jubelgeheul auszubrechen, da waren dem Drachen jählings zwei neue Köpfe gewachsen. Wild entschlossen holte er zu seinem nächsten Streich aus, als er in den Köpfen das Antlitz seiner Mutter und jenes seines Vaters erkannte. Er ließ sich davon nicht beeindrucken, schließlich war er ja ein Held, musste das Böse bezwingen – niederstrecken, eliminieren musste er es – und so zögerte er nicht, mit einem machtvollen Hieb die ihm so vertrauten Häupter vom Leibe des Drachen zu trennen. Dampfendes Blut quoll aus den Hälsen hervor. Diese verzweigten sich jedoch sogleich und brachten vier neue Köpfe hervor. Der ansonsten so unerschrockene Kämpfer erbleichte, als ihn daraus die Augen seiner Gemahlin und seiner drei geliebten Kinder anblickten.  Aber nein, er durfte nicht weich werden, jetzt schon gar nicht, da er sich dem Siege nahe wähnte,  er schlug zu, einmal von links, einmal von rechts, nochmals von links und von rechts… Die vier Köpfe rollten, zu schmerzverzerrten Fratzen entstellt, auf dem über und über mit Drachenblut bedeckten Boden.  Als er wieder aufblickte, waren dem Drachen bereits acht Köpfe gewachsen, acht Mal sah sich der Mensch sich selbst gegenüber, acht Mal erkannte er sich selbst.

Dieses Erkennen öffnete sein Herz. Das daraus hervor strömende Blut ergoss sich über die Häupter seiner Lieben und mischte sich schließlich mit dem Blute des Drachen.  Der Drache aber folgte ihm in sein Haus und half ihm, seiner Familie, den Menschen in der Stadt beim Bestellen ihrer Felder. Und sie lebten seither glücklich, in Frieden und in großem Wohlstand.

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