Coaching Kongress in Verona

Jetzt werde ich wirklich alt. Mit welcher Inbrunst manche der Vortragenden – zum Teil aus den USA, aus England, ja sogar aus Tibet und natürlich aus Italien – ihre Errungenschaften präsentierten, machte mich, ein wenig verschämt zwar, schmunzeln, erinnerte mich an vergangene Jahre, in denen auch ich beseelt war von der Überzeugung, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Ich spreche von einem Kongress in Verona, zu welchem ich vergangenes Wochenende eingeladen war, gemeinsam mit Alessandra Riva, einer FUTURE Trainerin in Italien, die Eröffnungsrede zum Thema „Das Paradigma des Herzens und das FUTURE-Core-Coaching“ zu halten. Kongressteilnehmer waren gut 150 Coaches, ein großer Teil der Coaching Community in Italien. Mein Sendungsbewusstsein scheint deutlich abgenommen zu haben, stellte ich fast schon ein wenig erschrocken fest, als ich bei meiner Vorstellung als „Promotor einer Revolution des Herzens“ bezeichnet wurde, und mich so gar nicht als Revolutionär fühlte sondern einfach nur…, sondern einfach nur ich. So weit reicht mein Sendungsbewusstsein allerdings doch noch, dass ich einige Auszüge aus meinem Vortrag aus dem Italienischen ins Deutsche übersetze, um sie den treuen LeserInnen dieses Blogs zur geschätzten Kenntnis zu bringen.  Dadurch, dass es sich nur um Auszüge unserer Intervention handelt, geht im Text ein wenig der Fluss verloren. Ich habe daher den einzelnen Inhalten Überschriften zugeordnet.

Dankbarkeit

Die wahre Revolution des Herzens beginnt mit Dankbarkeit… Ehrliche Dankbarkeit entspringt dem Herzen. Sie ist eine Manifestation des Herzens. Wenn wir uns einer revolutionierten, einer neuen, einer gelösten Zukunft zuwenden wollen, besteht der erste Schritt darin, der Dankbarkeit in uns Raum zu geben, der Dankbarkeit für das, was ist, ebenso wie für das, was war, für die Gewinne, die wir aus den unterschiedlichen Situationen des Lebens, schmerzhaften wie erfreulichen, gezogen haben. Mir scheint, dass alle Situationen des Lebens dazu dienen, dass wir gewinnen. Das Leben will uns offensichtlich immer als Gewinner, selbst wenn wir verlieren. Ich habe mir angewöhnt, möglichst jedes Projekt mit Dankbarkeit zu beginnen. Damit nimmt es, wie ich hoffe, gleich von Beginn weg die richtige Richtung – jene des Herzens. 

Das Wesen

Was ist Sein? Was ist dieses einzigartige, einmalige Sein (ich nenne es in Deutsch “Wesen”), das eine jede und ein jeder von uns ist, vom ersten bis zum letzten Atemzug unverwechselbar „Ich selbst“, jenseits aller Wertungen und Urteile? Das Wesen ist nicht sichtbar. Es braucht ein Mittel, um gesehen zu werden, den Körper und das Denken. Der Körper und Denken sind die Vehikel des Wesens, sich zu manifestieren, mit anderen in Kontakt zu treten, zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten, sie sind die Vehikel des Wesen zu wachsen, eine immer bedeutungsvollere Wirkung in der Welt zu erzeugen, einen immer kostbareren Beitrag für andere und für das Ganze zu leisten. Unser Wesen möchte sich manifestieren, um anderen Wesen zu begegnen und sich selbst zu entfalten, indem es mit anderen und für andere und das Ganze wirkt. Diesen Drang nennen wir Liebe. Liebe ist es, was das Wesen in die Existenz treibt. Liebe bildet die Wurzel unserer Existenz. Aus diesem Grunde hat das Wesen ein natürliches Haus: Unser Herz. Was aber, wenn die Tore unseres Herzens verschlossen sind, sodass das Wesen darin nicht Wohnung nehmen kann? Dann findet es Zuflucht im Überlebenskampf. Das Paradigma des Überlebenskampfes – das heißt, die Wahrnehmungs-, Denk-, Kommunikations- und Handlungsmuster des Überlebenskampfes – ist dem Wesen fremd. Es fühlt sich dort als Flüchtling, einsam, unsicher, und es hat Angst. 

Das Ganze

Ich bin ein Ganzes, bestehend aus vielen einzelnen Elementen. In dem Maße, in welchem diese zusammenwirken und sich in den Dienst des Ganzen stellen, bin ich gesund, kräftig und glücklich. Wenn aber die einzelnen Elemente, jedes für sich, um ihr Überleben kämpfen, werde ich krank, habe eine Menge Probleme und fühle mich unglücklich. Und ich werde schwerlich einen konstruktiven Beitrag für das größere Ganze leisten können, dessen Teil ich bin. Denn ich bin ja wiederum ein Element eines größeren Ganzen, meiner Familie, meiner Nation, Religion, letztlich der ganzen Menschheit, des ganzen Planeten. Und auch für dieses größere Ganze gilt der Satz: In dem Maße, in welchem die Teilgrößen eines Ganzen zusammenwirken und sich in dessen Dienst stellen, ist das Ganze gesund, kraftvoll und glücklich, und damit geht es auch seinen Teilgrößen gut. Mehr noch: Die Teilgrößen sind nur im Zusammenwirken mit anderen und im Dienst am Ganzen in der Lage, voll zur Entfaltung zu kommen.

Das Paradigma des Herzens und jenes des Überlebenskampfes

Das Wesen, welches sich im Herzen eingenistet hat und daher dem Paradigma des Herzens folgt, befindet sich in einem Zustand von Fülle, findet es sich hingegen im Überlebenskampf wieder, ist die Qualität seines Wahrnehmens, Denkens, Kommunizierens und Handelns vom Mangel geprägt. Mangel bedeutet: Ich hab‘ nicht genug, ich brauche…, Fülle hingegen besagt: Ich habe etwas beizutragen, ich bin da für dich und für’s Ganze. Mangel ist Anspannung, Sorge, Negativität, Fülle ist ein entspanntes, gleichwohl tatkräftiges und wohlwollendes in die Zukunft Blicken.

Das im Herzen beheimatete Wesen ist darauf ausgerichtet, das Leben zu leben, neugierig, optimistisch und vor allem authentisch, kongruent mit sich selbst. Aus dem Blickwinkel des Überlebenskampfes heraus kämpft es hingegen  gegen den Tod, nicht nur gegen den leiblichen sondern auch gegen den sozialen, mentalen,  emotionalen und materiellen. Es bekämpft alles, das sich seinem Dazugehören, seinem sozialen Aufstieg, seinen Überzeugungen und Empfindungen oder seinem materiellen Wohlstand in den Weg stellt. Wenn es darum geht, das Leben zu leben, zu lieben, zu kreieren, zu genießen, zu wachsen und sich zu verändern, befinden wir uns im Strom des Lebens. Im Bestreben, dem Tod, der Armut, dem Schlechten und Bösen zu widerstehen, sind wir bei lebendigem Leibe tot, leben wir außerhalb des Stroms des Lebens. Immer wieder, wenn ich die Ehre habe, Menschen in ihrem Sterbeprozess zu begleiten, staune ich, wie viel Leben frei wird in jenen Momenten, da der Tod ganz sein darf.

Das Wesen im Herzen liebt es zusammenzuarbeiten. Es entspricht seiner Natur. Im Überlebenskampf sieht dasselbe Wesen in seinem Mitmenschen den Gegner, den Konkurrenten und reagiert nach dem Muster: Entweder du bist obenauf oder ich, entweder du bist Erster oder ich, entweder du bekommst mehr vom Kuchen oder ich… Und das Ganze, sei es der Planet, der Staat, die Gemeinschaft, das Unternehmen, wird ihm zu einer Art Beutetier, von dem es, wie bei den Geiern und Hyänen, ein möglichst großes Stück zu ergattern gilt.

Das Wesen, vom Herzen geleitet, bringt sich grundsätzlich  f ü r  etwas oder jemanden ein. Ist es jedoch im Exil des Überlebenskampfes, fühlt es sich immer als Opfer, muss sich verteidigen, muss raufen, muss andere übervorteilen…

Unser Denken ist ein gänzlich anderes, wenn das Wesen im Herzen wohnt, als wenn es Gesetzmäßigkeiten des Überlebenskampfes ausgeliefert ist. Dasselbe gilt für unser Empfinden, für die Art unseres Kommunizierens und Agierens. Deshalb sagte meine Freundin Betty Williams anlässlich ihrer Dankesrede für die Verleihung des Friedensnobelpreises, man müsse Mitgefühl entwickeln, noch bevor man überhaupt beginne zu denken. Zuerst das Herz öffnen, sodass das Wesen dort Einzug halten kann, dann geraten uns auch die Gedanken zu solchen des Herzens.  Es ist der Zustand unseres Seins, der über die Qualität unseres Lebens und Wirkens entscheidet: Ist er bestimmt durch die Vision des Herzens oder jene der Überlebenskampfes? „Nur mit dem Herzen sieht man gut (“Exupery: „Der kleine Prinz“).

 

Der Umgang des Herzens mit dem Überlebenskampf

Nichts desto trotz,  der Überlebenskampf ist ein Faktum für Pflanzen, Tiere und Menschen. Was aber macht das Herz mit der Wirklichkeit, unabhängig davon, ob sie nun angenehm oder unangenehm, offen oder versteckt, moralisch oder unmoralisch sei? Es anerkennt sie, es bejaht sie, es heißt sie willkommen. Dieses Willkommen gibt ihm die Freiheit, ganz unvoreingenommen Fragen zu stellen, wie: Welche Lösung wohnt der jeweiligen Situation inne? Welches Potenzial ruft danach, entwickelt zu werden? Was haben wir zu lernen? Dem Wesen im Überlebenskampf steht diese Freiheit nicht zur Verfügung. Es urteilt: Dieses gefällt mir, jenes gefällt mir nicht. Und es reagiert, nicht weniger mechanisch, als der Hund, der Wurm oder das Gnu: Das, was ihm gefällt, will es sich auch für morgen, ja, für’s  ganze Leben, vielleicht für die ganze Ewigkeit bewahren. Und es will mehr und immer noch mehr davon haben. Was ihm nicht gefällt, weist es von sich, unterdrückt, bekämpft oder negiert es, frei nach dem Motto: Was es nicht geben darf, gibt es nicht. Die Ergebnisse – wir sehen sie in der Politik, in der Wirtschaft, in der Schule und oft genug auch in den Familien und Partnerschaften – sind dementsprechend wenig zukunftsträchtig. Das Herz bekämpft den Überlebenskampf nicht. Es bejaht ihn als eine Realität, als einen Teil des Ganzen und strebt nach der wirklichen Lösung. Die Power des Herzens liegt im Integrieren. „Es ist, was es ist“, sagt das Herz keineswegs resignativ sondern aktiv Frieden schließend mit der Wirklichkeit, sich ihr aktiv zuwendend .Genau dadurch entsteht die Freiheit,  bestmögliche Entscheidungen für sich selbst, andere und das Ganze zu treffen, die Freiheit, eine Zukunft zu gestalten, die mehr ist als die bloße Fortsetzung der Vergangenheit,  eine revolutionierte, gelöste, neue Zukunft.

 

Die Revolution des Herzens

Wenn wir uns umschauen in der Welt, sehen wir Krise. Welchen Lebensbereichen wir uns auch zuwenden, wir treffen sie überall, die Krise. Wenn nun die Lösung im Herzen liegt, was können wir beitragen, um aus der Krise herauszukommen? Was können wir beitragen, dass die Menschheit menschlicher wird, dass sie die ihr entsprechende Lösung findet?  Es hätte wohl Charme, diese Fragen als offene Fragen stehen zu lassen. Und Charme ist oft ein sehr probates Mittel Türen zu öffnen. Ich möchte es hier mit einem anderen Mittel versuchen: Eine These in den Raum zu stellen, zusammen mit der Frage: Ist es tatsächlich so? Eine Frage also, die wohl nur durch die Lebenspraxis beantwortet werden kann.

Die Revolution des Herzens, der Transformationsprozess, in welchen uns das Herz individuell und kollektiv involviert, hat drei Motoren,

  1. das Willkommen,das Willkommen zu den Situationen des Lebens, den gegenwärtigen und den vergangenen, das Willkommen zum anderen Menschen, so wie er sich uns präsentiert, das Willkommen zu uns selbst in all unseren vielfältigen Aspekten, den dunklen und den hellen, den schönen und den hässlichen, den starken und den schwachen, den begrenzten und den grenzenlos weiten und großen
  2.  die Verantwortung,Verantwortung  für mich selbst, für mein Wohlergehen, Verantwortung für das, was ich aussende und daher auch dafür, was es aus dem Wald wieder zurück tönt und Mitverantwortung für das größere Ganze, dessen Teil ich bin
  3. die Inspiration,die Be-Geisterung durch das, was mehr als die Person ist, durch das Höhere, Transzendente, Gott, welche Worte man dem auch immer zuordnen möchte. Inspiration ist die Nahrung des Herzens, ohne die es seine Wirkungskraft verliert. Die Voraussetzung dafür: Die Öffnung dem Höheren gegenüber: Das Mittel der Inspiration: Die Intuition. Sie bildet das Wahrnehmungsorgan des Herzens, die Impulse aus dem Transzendenten zu erfassen. Das Ergebnis: Wir fühlen geführt, bei der Hand genommen, unser Leben erfüllt sich mit Sinn. Im Zuge dieser Revolution finden wir immer mehr zu uns selbst, werden  immer mehr Ich-Selbst haben immer unvermittelter am Lebensfluss teil.  Und  in dem Maße, in welchem wir Ich-Selbst sind, wächst die selbstverständliche Bereitschaft, das natürliche Bedürfnis, mit anderen zu kooperieren und gemeinsam eine große Wirkung zu erzeugen, gemeinsam zu  Lösungen zu gelangen, gemeinsam Zukunft zu gestalten. Ist es so? Ist es tatsächlich so, dass wir im Herzen, nur im Herzen, unsere Zukunft finden?

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