Merkt Ihr’s?

Der Konfliktlevel steigt wie der Pegel eines Flusses. Nicht nur im Gazastreifen und in Syrien und in der Ukraine und im Irak und in Nigeria und in Libyen und allen möglichen anderen afrikanischen Staaten, von islamischen Ländern wie Afghanistan und Pakistan kennen wir das seit Langem. Auch die Spannungen zwischen dem Westen einerseits und Russland und China andererseits steigen. In der EU gehört es schon zur allgemeinen Räson, das Gemeinsame zu bekriteln und das Trennende hochzuloben. Gleichzeitig erleben wir eine Renaissance erzkonservativer Strömungen, die an die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erinnern. In Russland, in der Ukraine, in der Türkei, in Ungarn sitzen sie bereits fest im Sattel ihrer Macht, während sie in Frankreich, in Österreich und anderswo nicht weit davon entfernt sind, deren Zügel zu ergreifen. Bemerkenswert übrigens, die äußerst unheilige Allianz in all diesen Ländern zwischen der herrschenden politischen Schicht und der jeweils vorherrschenden Religionsgemeinschaft! So können sich ein Putin, ein Erdogan, ein Orban geradezu als Herrscher von Gottes Gnaden fühlen. Und sie liefern all denen, die aus der Geschichte nichts gelernt haben, einen Anschauungsunterricht, wohin ihre Haltung mündet: In Krieg, in Unterdrückung der Vielfalt und in die Eliminierung alles dessen, was anders ist und anders denkt.

Ja, viele wollen das. Sie wollen in der Herde mitblöken. Sie hassen sich selbst so sehr, dass sie gar nicht sie selbst sein wollen. Sie wollen nur dazugehören und durch die allgemeine Übereinstimmung Bestätigung finden, dass sie im Recht sind. Ihren Selbsthass lenken sie um auf die ethnisch, religiös, politisch, sexuell Andersgearteten, auf diejenigen also, die, entsprechend der allgemeinen Meinung, nicht zu den Rechtgläubigen, Rechtschaffenen, Rechtgesinnten gehören. Und dadurch entsteht Spaltung statt Integration, Konflikt statt Miteinander, Opferhaltung statt Selbstverantwortung, Ohnmacht statt Selbstbestimmung – der Mensch wird zum Unmenschen.

Ja, so ist das. Und so ist das immer mehr trotz aller Reminiszenzen an den Ersten Weltkrieg 100 Jahre nach dessen Ausbruch. „A nix kapiert!“, das war ein stehender Spruch unseres Geschichtelehrers. Und er scheint Recht gehabt zu haben. Albert Einstein hat seine Resignation vor der offensichtlichen Lernunfähigkeit des Menschen etwas weniger rustikal zum Ausdruck gebracht: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mich noch nicht ganz sicher.“

Ich bin ganz bestimmt nicht gescheiter als der große Einstein, vielleicht nicht einmal als mein Geschichtelehrer. Aber ich weiß, dass Resignation ein ganz, ganz schlechter Ratgeber ist. Ja, ich halte Resignation für einen Ausdruck menschlicher Dummheit, oder zumindest einer fahrlässigen Bequemlichkeit. „Wenn der Mensch ohnehin nix kapiert und die Dummheit des Menschen unendlich ist, was soll ich da noch Verantwortung übernehmen, was soll ich mich da noch weiter entwickeln, was soll ich da noch zur Weiterentwicklung anderer und des großen Ganzen beitragen? Da lasse ich mich doch gleich treiben wie alle anderen.“ Diese Haltung ist die logische Konsequenz aus der Resignation. Sie ist aber nicht nur Verrat am großen Ganzen, dessen Teil wir sind, sie ist auch Verrat an uns selbst. Verrat an der Verantwortung, die jeder von uns als Mensch hat, ob wir sie nun wahrnehmen oder nicht, weil sie Teil der menschlichen Natur ist. Verrat an der natürlichen Tendenz eines jeden Menschen, sich weiter zu entwickeln, die Potenziale seines Herzens zur Entfaltung zu bringen. Verrat, schließlich, an der Aufgabe eines jeden Menschen, zur Entwicklung anderer und des größeren Ganzen beizutragen, einer Aufgabe, die uns nicht ein moralisches Gebot auferlegt die Natur unseres Menschseins.

Was sollen wir also tun, wenn die gesamte Dynamik ins Gestern weist, in das verheerende Gestern? Sollen wir lautstark protestieren, sollen wir uns mit Polizisten raufen, sollen wir uns in die Luft sprengen? Das würde den Putins, Straches, Le Pens, Orbans, Erdogans dieser Welt so passen! Wir würden ihnen nur in ihre spaltenden Hände spielen und dabei unserem eigenen liebenden, zusammenführenden, wahrhaftigen Herzen zuwider handeln. Die Spaltung überwinden wir nicht mit Spalten, die Gegnerschaft nicht mit Kämpfen, die Rechthaberei nicht mit Rechthaben. Weisheit und Vernunft, jene Gaben, die den Menschen zum Menschen machen, haben andere Lehren für uns parat. Vielleicht sagen sie uns: „Folge unbeirrt deinem Herzen! Schau auf das viele Positive, das sich in der Welt tut, und verstärke dadurch die Dynamiken, die in die Zukunft führen! Vernetze dich mit anderen, die das Gleiche tun! Hol dir Kraft und gib Kraft! Wende dich denen, die Halt und Sicherheit suchen, in Freundschaft und Verständnis zu, ohne dich jedoch zu binden und dich ihrer Sichtweise des Lebens zu unterwerfen! Fördere die Kinder und Jugendlichen darin, ihren Weg zu gehen!“ Vielleicht rufen sie uns auch zu: „Liebe!“, weil letztlich alle Lösungen, die Bestand haben, alle Zukunft, die uns glücklich macht, in der Liebe wurzeln. Aber in Wahrheit geht es darum, dass sich jeder Mensch mit seiner eigenen Weisheit und deren Dienerin, der Vernunft, in Verbindung setzt, von Herzen in Verbindung setzt und dort seine eigenen Antworten findet. Sollte dein Tor zur Weisheit verschlossen sein, dann gibt es vielleicht jemanden, der dich dabei unterstützt, es zu öffnen.

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