Das Wohl des Ganzen ist immer auch das Wohl seiner Teile

Ja, die Frequenz meiner Eintragungen hier hat vorübergehend deutlich abgenommen. Das ist der Tatsache geschuldet, dass ich mich in meiner spärlichen Freizeit mit großer Hingabe dem Schreiben meines Buches widme. Ich bitte alle Leserinnen und Leser um Verständnis.

Vielleicht haben Sie heute ja einmal Lust, einige aktuelle Ereignisse mit meinen Augen zu betrachten (es müssen ja nicht die Ihren sein). Zum Beispiel, dass Michail Gorbatschow wieder aus dem Spital entlassen wurde. Er ist ja nicht besonders beliebt bei seinen Landsleuten, weil sie es ihm verübeln, dass Russland seinen Großmachtstatus verloren hat. Dass sie aber ohne Gorbatschow vielleicht gar nicht mehr da wären – sie verschmort unter den westlichen Atombomben und wir unter den sowjetischen – scheint ihnen nicht bewusst zu sein. Glaubt man dem, was berichtet wird, war es ohnehin nur ein glücklicher Zufall, dass hüben wie drüben nicht schon früher auf den berühmten Knopf gedrückt worden war. Die Dinge nur aus dem Blickwinkel des eigenen Systems zu betrachten, macht blind für ganze Wirklichkeit. Die ganze Wirklichkeit ist, dass Gorbatschow ein Segen für die ganze Welt war, und deshalb auch für die Russen, weil die Russen mehr sind als nur Russen, sie sind Teil der ganzen Menschheit. Die ganze Wirklichkeit ist, hätte Gorbatschows Position einer von den Chruschtschows bekleidet, den Breschnews, Andropows und wie sie alle hießen, die scheinbar starken Männer im Kreml, wären wir alle die Verlierer gewesen. So sind wir alle Gewinner. Dass die Geschichtsschreibung ihre Helden immer noch aus dem Blickwinkel der jeweiligen Nation kürt anstatt aus jenem des größeren Ganzen, ist eigentlich ein wissenschaftlicher Skandal. Wir müssen aufhören zu spalten. Das Ganze ist den Vordergrund zu stellen, das ist der Ruf der Stunde.

Putin gehört offensichtlich nicht zu jenen, die das Ganze in den Vordergrund stellen. Er mimt den starken Mann, der seine Feinde in Flucht schlägt. Bemerkenswert, wie sehr auch die Popen, diese sich mit goldenem Ornat und Machtsymbolen in Christi Namen erhöhenden Herren, verhaftet sind in diesem Sieger-Verlierer-Denken! Hat sie das Leben nicht gelehrt, dass sich dieses allzu leicht in eine Verlierer-Verlierer-Beziehung kehrt? In Wahrheit hat sie sich schon in eine Verlierer-Verlierer-Beziehung gekehrt. Die Wirtschaftssanktionen machen beide Seiten zu Verlierern. Die größten Verlierer allerdings sind die Menschen in Donezk und Lugansk, für die man sich angeblich in den Kampf wirft. Die scheinen nämlich alles zu verlieren. Viele sogar ihr Leben.

Auch über die katholische Kirche wird in den Medien berichtet anlässlich der Bischofssynode zum Thema Familie. Dort streiten sich angeblich sogenannte Erneuerer mit Bewahrern um Themen wie den vorehelichen Geschlechtsverkehr (er sei Sünde), künstliche Empfängnisverhütung (sie sei Sünde), ob wiederverheiratete Geschiedene Sakramente empfangen dürfen (sie leben ja in Sünde), die Liebe Gleichgeschlechtlicher (ist sowieso Sünde)… Aber vielleicht diskutieren sie ja, zumindest in den Kaffeepausen, auch über wichtige Dinge. Könnte ja sein, dass sie sich die Frage stellen, ob eine Art Ursünde nicht darin bestehe, dass eine Gruppe oder eine Institution für sich beansprucht, im alleinigen Besitz der ganzen göttlichen Wahrheit zu sein. Diese Ambition zieht nämlich eine Reihe weiterer Sünden nach sich, nämlich, darüber zu urteilen, ob andere vor Gott in Sünde leben, Menschen zu manipulieren, geistig zu bevormunden und sie dadurch sich selbst zu entfremden, autoritäre, unterdrückerische Systeme zu schaffen, die Menschheit zu spalten in Rechtgläubige und Heiden, letztlich Krieg zu führen.

Wie geschehen bei den Kreuzzügen (amerikanische Eiferer haben sogar geglaubt, bei Bush’s Irakkrieg würde es sich um eine moderne Form des Kreuzzugs gegen die Ungläubigen handeln!). Oder wie bei der Eroberung des amerikanischen Kontinents, als im Namen Christi ganze Volkschaften ausgerottet wurden, oder im 30jährigen Krieg zwischen Katholiken und Protestanten, der Europa in ein noch schlimmeres Elend gestürzt hatte, als es der Krieg zwischen Sunniten und Schiiten bzw. Alewiten im Nahen Osten tut. Oder in Nordirland, wo sich Katholiken und Protestanten noch bis vor Kurzem wegen der Zugehörigkeit zu ihrer Glaubensgemeinschaft gegenseitig ermordeten. Vielleicht bringt ja der Irrwitz, der sich im Islam abspielt (seine diversen Untergruppen, Sunniten und Schiiten, militante und gemäßigte, sie gehören ja auch zu denen, die überzeugt sind, alleine die volle und ganze Wahrheit zu besitzen), vielleicht bringt das die Bischöfe zum Grübeln, inwieweit Wahrheit ein Besitz sein kann, und inwieweit sie sich so einfach in Ge- und Verbote übersetzen lässt.

Vielleicht gelangen sie sogar zu der Erkenntnis, dass sie, die sich als unsere Hirten bezeichnen, die Wahrheit gerade dadurch entweihen, dass sie sie als Machtinstrument missbrauchen, indem sie, die Hirten, sich herausnehmen, uns, den Schafen, den Weg zu weisen, und zwar mit gottgegebener, absoluter Autorität. Nun ja, sie sind alle hochgebildete Menschen, die Herren Bischöfe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich tatsächlich mit Themen beschäftigen von der Qualität, ob der Gebrauch eines Präservativs Sünde sei. Allerdings, Bildung schützt vor Dummheit nicht. Wenn wir die Wirklichkeit mit den Augen des Teils (auch jede Religion ist nur eine Teilgröße eines größeren Ganzen) betrachten anstatt mit jenen des Ganzen, kommt unweigerlich eine sehr eingeschränkte Sichtweise heraus. Ich glaube immer noch, dass die Religionen eine zentrale Mission in unserer Zeit erfüllen könnten, allerdings nicht in der Form, wie sie sich uns präsentieren, nicht indem sie sich zurück in die Vergangenheit sondern nach vorn in die Zukunft wenden.

Wir staunen über den Vormarsch der IS-Truppen. Allerdings, so erstaunlich ist das nicht. Sie bestehen ja offensichtlich zu einem wesentlichen Teil aus Saddam Husseins irakischen Armeeangehörigen, die sich im Krieg gegen den vielfach überlegenen Iran durchaus bewährt hatten. Nach dem glorreichen Feldzug des genialen Feldherrn George W. gegen den bösen Diktator Saddam Hussein hatte man ja eine Entbaathifizierungskampagne (die Baathpartei war die Einheitspartei unter Saddam Hussein) durchgeführt. Jeder, der es unter Saddam zu etwas gebracht hatte, ob als Berufssoldat, Lehrer, Wissenschaftler, Beamter oder Manager, war von heute auf morgen seinen Job los. Die ganze Elite des Landes verschwand von der Bildfläche. Nachdem diese vorwiegend aus Sunniten bestand, machten sich in der Folge die Schiiten breit, während die Sunniten in den Untergrund gedrängt wurden. Und von dort tauchen sie nun wieder auf, diesmal jedoch nicht in Saddams sondern gar in Allahs Namen. Könnte es sein, dass diesem ob solcher Ehre da oben im Himmel gar nicht zum Jubeln zumute ist? Ja, und dann lese ich, dass sich die afghanischen Taliban mit dem IS verbündet haben, jene Taliban, die Ronald Reagan seinerzeit mit folgenden Worten in den USA willkommen geheißen hatte: „These gentlemen are the moral equalivalents to America’s founding fathers“ (diese Herren entsprechen in ihrer moralischen Bedeutung Amerikas Gründervätern). Reagan plädierte dafür, „die Fackel des radikalen Islamismus der Al Kaida“ zu entzünden und rüstete sie mit Milliarden von Dollars auf, die Taliban und Al Kaida. Und jetzt haben wir sie, diese „moral equivalents to America’s founding fathers“ und ihre Nachkommen. Wir ernten, was wir säen.

Mit anderen Worten: Es liegt an uns, was wir ernten. Es liegt nicht zuletzt daran, ob wir die Welt aus der kleinen, egoistischen Perspektive des Teils betrachten und entsprechende Handlungen setzen, oder ob wir unsere Verantwortung für das Ganze in unsere Entscheidungen einfließen lassen. Das Wohl des Ganzen ist immer auch das Wohl seiner Teile.

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