Obama hat verloren

Ich gehöre nicht zu denen, die enttäuscht sind über den amerikanischen Präsidenten. Ich bin freilich auch kein Obama Fan, weil ich zu alt bin, um irgendjemandes Fan zu sein. Aber ich finde Obamas Performance durchaus beachtenswert, bedenkt man den Beinahe-Zusammenbruch der Weltwirtschaft kurz vor seinem Amtsantritt, bedenkt man die gnadenlose Fundamentalopposition der Republikaner und ihrer Speerspitzen vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an, bedenkt man das verheerende Erbe, das er im Irak und in Afghanistan übernommen hat. Die Präsidentschaft George W. Bushs hatte die USA so was von auf die schiefe Bahn gebracht – wirtschaftlich, moralisch, was das Funktionieren ihres Staatswesens im Inneren und ihr Ansehen in der Welt anlangt, dass es allein schon ein großes Verdienst ist, diese desaströse Dynamik aufgehalten zu haben.

Um Obama einigermaßen gerecht zu werden, muss man sich vor Augen führen, in welchem Umfeld er sich bewegt. Mit Tailban und Al Kaida, die Ronald Reagan als moralische Instanz, vergleichbar mit den Gründervätern der USA lobpries und mit Milliarden Dollars aufrüstete, mit einer schiitischen Regierung im Irak, welche die Sunniten mit Bushs Hilfe kategorisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen hatte, mit einer israelischen Regierung, ebenso maßgeblich aus den USA finanziert, die ihre Rechte aus Geschehnissen ableitet, welche Jahrtausende zurückliegen, mit einem Islamischen Staat – ursprünglich ebenso von den USA unterstützt in dessen Kampf gegen das russlandfreundliche Assad Regime – der wild entschlossen ist, mit einem einzigen Hupf ins Mittelalter zurückzuspringen, und nicht zuletzt mit einer Tea Party Bewegung, deren Mitglieder, nicht anders als islamische und jüdische Fundamentalisten, ihre Unversöhnlichkeit auf heilige Schriften zurückführen und der festen Überzeugung sind, im Auftrag Gottes zu handeln, schließlich noch mit einem Putin, der offensichtlich, unterstützt von den Popen der russisch-orthodoxen Kirche, in der Zeit des Kalten Krieges stecken geblieben ist, auf den der Westen allerdings auch etwas weitblickender hätte zugehen können. In dieser Gesellschaft irgend etwas voranbringen zu wollen, kommt einem Himmelfahrtskommando gleich.

Ich widme diesen Blogeintrag Obama, weil er grundsätzlich ein Zusammenführender ist in einer Welt, die Zusammenführen braucht wie die Wüste den Regen. Ich erinnere mich, wie er sich bei seiner Inauguration auf Abraham Lincoln bezog, die historische Integrationsfigur in der Geschichte der USA; Abraham Lincoln, der nach der Abspaltung mehrerer sklavenhaltender Südstaaten die Wiederherstellung der Union durchsetzte, die Sklaven befreite und durch seine Wirtschaftspolitik die Basis legte für den Aufstieg der USA zu einer Weltmacht;  Abraham Lincoln, der die Haltung zur Maxime seines Handelns erkor, dass nichts geregelt sei, was nicht gerecht  geregelt ist; der im Übrigen die Frage eines Journalisten, was denn das Geheimnis seines Erfolges sei, folgender Maßen beantwortete: „Ich sage über niemanden etwas Schlechtes, aber über jeden alles Gute, das ich weiß.“

Obama baut auf das Einende, nicht auf das Trennende, auf menschliche Werte, nicht auf starre Ideologie, auf das Konstruktive anstelle des Zerstörerischen. Wohltuend nach den Jahren der Spaltung in „zwei Amerikas“, der Hochstilisierung eines anachronistischen Heldentums, der moralischen Ausblutung! Er spricht selten von Ich, häufig von Wir. Kein narzisstisches „Liebt mich! Ich bin euer Glücksbringer“ sondern Ziele, die er formuliert, ethische Ziele, Ziele im Sinne einer gerechteren Welt und “Gemeinsam können wir es schaffen!“ Kein protziges Spiel mit den Muskeln der Macht sondern das Bekenntnis zur „Besonnenheit im Einsatz von Macht“ und zur „Kraft des Beispiels“.

Obamas „Gemeinsam“ ist ein anderes als jenes von George W. Bush, der meinte „You are with us or against us“. Obamas „Gemeinsam“ ist nicht  g e g e n  jemanden gerichtet sondern  f ü r  das Ganze, dessen Teil wir alle sind. Es erwächst nicht aus Uniformierung, aus der Einfärbung des Unterschiedlichen sondern aus dem Zusammenwirken des Unterschiedlichen. Mit großer Klarheit lädt er die Angehörigen unterschiedlicher Rassen, Religionen, Kulturen dazu ein, gemeinsam an einer Welt zu bauen, in der die Menschen frei, gleich und in der Lage seien, nach Glück zu streben. „Jetzt ist die Zeit, Brücken zu bauen.“, rief er seinen Zuhörern in Berlin zu. Brücken bauen, sodass wir zu einem Miteinander des Unterschiedlichen finden. Obamas „Gemeinsam“ ist ein partnerschaftliches. „Wir brauchen Verbündete, die einander zuhören, voneinander lernen und einander vertrauen.“, sagt er.

Ziehen wir Bilanz zwei Jahre vor dem Ende seiner Präsidentschaft, scheint er in all diesen Anliegen gescheitert. Die Rabiaten von Gottes Gnaden scheinen noch rabiater geworden zu sein, die Spaltenden scheinen ihr zerstörerisches Werk mit noch größerer Heftigkeit zu betreiben. Was allerdings passiert, wenn die Rabiaten und Spaltenden an der Macht sind, haben wir in der Bush Ära gesehen, und sehen wir überall dort, wo sie an der Macht sind – Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Krieg, skrupellose Zerstörung der Umwelt. Sind wir froh, dass es Obama gibt, zumindest acht Jahre lang!

Verbündete, Amerika und die Welt zu einen, hat Obama wenige gefunden. Wir leben in der Welt von morgen, in der einen, ganzen Welt, in der alles mit allem in einem Zusammenhang steht, unsere Mentalität scheint aber im Gestern festzustecken, als ein jeder auf Kosten des anderen und des Ganzen seine Schäfchen in Trockene zu bringen suchte. Mit der Mentalität von gestern lösen wir aber keines der Probleme, wir kreieren zu den sich verschärfenden alten nur neue hinzu. „Wir haben uns für die Hoffnung entschieden, nicht für die Furcht, für die Einheit, nicht den Streit“, verkündete Obama pathetisch. Aber genau an diesem WIR scheint es gefehlt zu haben. Vielleicht haben WIR uns zu wenig für die Einheit entschieden und zu viel für die Hoffnung, dass es andere für uns machen. Zu Beginn von Obamas Präsidentschaft wurde oft von einem Wendepunkt der Geschichte gesprochen. Dazu ist es nicht gekommen. Der wahre Wendepunkt der Geschichte findet erst dann statt, wenn wir, das Volk, aufhören, Verantwortung zu delegieren an die Politik, an die Konzernchefs, an die Gestalter öffentlicher Meinung und unsere Freiheit nutzen, selbst zu gestalten, wo immer wir können, wenn wir gemeinsam mit anderen die Initiative ergreifen, und eine neue Richtung einschlagen, Neues entwickeln zum Wohle des Ganzen dieser Welt, zum Wohle der Gemeinschaft der Menschen. Dem entspricht Obamas Feststellung, dass die Regierung zwar Einiges tun könne und müsse, dass aber die Basis dafür die Güte, der Optimismus, die Toleranz, die Zivilcourage der Menschen bilde.

Obama hat insgesamt eine besonnene Politik gemacht. Dort, wo sie zu wenig weitblickend war, bekommen wir die Rechnung präsentiert wie im zunehmenden Missverhältnis des Westens mit Russland. In seinem Anliegen, die USA und die Welt zu einen, ist er jedoch gescheitert. Daran werden auch die letzten beiden Jahre seiner Präsidentschaft nichts ändern. Allerdings, auf Obamas WIR zurückkommend, stellt sich für mich schon die Frage: Ist Obama gescheitert, oder sind WIR gescheitert, die wir auch grundsätzlich auf das Zusammenführen statt auf das Spalten setzen? WIR haben aber gegenüber Obama einen großen Vorteil. Unsere Präsidentschaft endet nicht nach acht Jahren. WIR bleiben Präsidenten und können jederzeit und immer wieder neu beginnen.

Wir bleiben Präsidenten, weil wir nicht mehr und nicht weniger mächtig sind als die Mächtigen. Es ist eine Illusion, dass wir mächtig sind, wenn wir eine bestimmte Position bekleiden. Wir müssen den Begriff Macht befreien aus seinem Bezug zu Ohnmacht. Entweder ich habe Macht aus mir selbst heraus oder ich habe sie nicht, Macht, das zu bewirken, was mir wichtig ist, Macht, das zu realisieren, wonach die Welt ruft. Dazu brauche ich nicht andere, die sich mir gegenüber in einer Position von Machtlosigkeit befinden. Im Gegenteil, ich bin umso mächtiger, je mehr ich andere ermächtige. Wir sind alle Präsidenten und Präsidentinnen, wir können alle zusammenführen, wir können alle Abraham Lincolns Postulat erfüllen, gerechte Regelungen und Lösungen zu finden, wir können alle unsere starren Bilder, Glaubenssätze, Ideologien über Bord werfen und uns einlassen auf uns selbst und auf unsere Mitmenschen, wir können alle Brücken bauen und mit anderen in ihrer Unterschiedlichkeit kooperieren und uns zu einem Gemeinsamen zusammenfinden. Wir brauchen nicht auf den nächsten Obama zu warten. Wir sind die wahren Präsidentinnen und Präsidenten. Wenn wir das realisieren, dann hat Obamas Scheitern Sinn.

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