Ein Europa der Herzen

Europas Griechenlandkrise hat es uns wieder einmal drastisch vor Augen geführt:

  • Arbeiten wir gegeneinander droht alles kaputt zu gehen.
  • Arbeiten wir nebeneinander, sind wir schwach.
  • Arbeiten wir miteinander, finden wir für alles wirkliche, nachhaltige Lösungen.

Im Miteinander liegt die Zukunft – auf globaler Ebene ebenso wie auf europäischer, nationaler, innerbetrieblicher, familiärer und, nicht zuletzt, auf individueller.

Otto Scharmer, Bestseller-Autor, Senior Lecturer am MIT in Boston, Berater einiger der weltgrößten Konzerne, schreibt dazu in seinem Buch „Von der Zukunft her führen“, es ginge darum, „eine tiefere Ebene unserer Fähigkeit und unserer Menschlichkeit aufzuschließen, gewissermaßen als Landebahn“ für unsere Zukunft, füge ich hinzu. Dieser Umschwung erfordere, „unser Denken vom Kopf-Feld auf das Herz-Feld zu erweitern“. Was sagt das „Herz-Feld“? Was ist die „tiefere Ebene unserer Fähigkeit und Menschlichkeit“, zu der uns das „Herz-Feld“ führt?

Das Herz stellt das größere Ganze in den Mittelpunkt – das Einzelne als Teil des größeren Ganzen und im Dienste des größeren Ganzen. Ich erlebe gerade wieder, wie der Vorstand eines Unternehmens dieses – absehbar – gegen die Wand fährt, nicht deshalb, weil die einzelnen Vorstandsmitglieder ihren Job nicht kompetent durchführten, sondern weil sie, ein jeder neben dem anderen herwurschtelnd, unfähig sind, ein Miteinander zu bilden und das Unternehmen als Ganzes zu repräsentieren. Nachdem der Firmengründer und -patriarch als Kristallisationspunkt für die Ganzheit des Unternehmens weggefallen war, wäre es Aufgabe des Vorstandes gewesen, der eine Kopf und das eine Herz des Unternehmens zu sein. Sie sind aber viele (durchaus gescheite) Köpfe und gar kein Herz, und das ist offensichtlich zu wenig.

Das Ganze entsteht nicht durch Gleichschaltung. Die Ganzheit des menschlichen Körpers bildet sich nicht dadurch heraus, dass ihm lauter Mägen oder lauter Nieren innewohnen, sondern durch das Miteinander der unterschiedlichen Organe, Muskeln…, durch das Miteinander ihrer unterschiedlichen Stärken und Funktionsweisen. Auch der Zauber eines Orchesters gründet sich nicht darauf, dass dort lauter Flöten oder lauter Kontrabässe spielen sondern auf das Miteinander unterschiedlicher Instrumente und deren Tonhöhen und Klangfarben.

Die Uniformierung, von der rechte Parteien träumen, und die in den Religionen in unterschiedlichen Graduierungen verwirklicht ist, schafft zwar Gemeinschaft aber kein Ganzes. Sie schafft Gemeinschaft, die einen äußeren Feind braucht, einen Gegensatz, von dem man sich absetzt, und den man bekämpft. Die „Bild“-Zeitung hat es wieder einmal geschafft, große Teile Deutschland hinter sich und gegen die „faulen Griechen“ zu vereinen. Sehr zum Schaden des Ganzen Europas. Die Griechen mit ihrer schnurrbartträchtigen Dämonisierung Merkels haben einen ähnlich gemeinschaftsstiftenden Effekt ihrer Nation erreicht, und Merkel und vor allem Schäuble scheinen ihnen voll in die Falle gegangen zu sein, indem sie geflissentlich das Bild des oberlehrerhaften und unerbittlich dominanzsüchtigen Deutschen bestätigten und dabei nicht nur die Vorurteile der Griechen bedienten sondern auch jene der Italiener, der Franzosen und ich weiß nicht, von wem sonst noch allen. Das hat Deutschland nicht gut getan, und dem Ganzen Europas noch weniger. Für beide tut’s mir leid. Gemeinschaft, die auf Einfalt statt auf Vielfalt baut, ist der Feind des Ganzen und, in der Folge, auch der Feind seiner Einzelteile.

Noch offensichtlicher tritt dieses Prinzip im Bereich des Islam zutage. Verantwortungsloser geht’s nicht, sowohl dem großen Ganzen unserer Menschheit als auch den eigenen Anhängern und der eigenen Kultur gegenüber! Die amerikanische Tea-Party-Bewegung ist ja aus ähnlichem Holz. Immer dann, wenn man die eigene Herzlosigkeit mit dem „Wort Gottes“ rechtfertigt, wird’s besonders gefährlich.

Gestern hatte ich eine Diskussion mit Kris, einem zypriotischen Geschäftsmann über das Griechenlandthema. Er meinte, wenn man einen Sohn habe, der es weniger weit gebracht hat als seine Geschwister, dann würden ihn sowohl die Eltern als auch seine Geschwister in besonderer Weise unterstützen. Genau diese gütigen Eltern sei Europa Griechenland gegenüber nicht gewesen und der größte und wohlhabendste Bruder, Deutschland, habe es mit allen Mitteln gedemütigt. Diese Argumentation wollte ich so nicht stehen lassen. Europa sei weder Vater noch Mutter, und an die einzelnen Mitgliedsstaaten sei der Anspruch zu stellen, erwachsen und nicht Kind zu sein. Der Zauber Europas bestehe darin, eine Gemeinschaft eigenverantwortlicher Mitglieder zu sein, ein jedes mit seinen spezifischen Stärken, die, miteinander kooperierend, ein größeres Ganzes bilden. Ein Mitglied, das nicht auf seine Fülle achte, schädige das Ganze, brachte ich ein, ebenso wie ein Mitglied, das ein schwächeres nicht darin unterstütze, stärker zu werden. Mein Gesprächspartner hielt dagegen, dass die nationalen Regierungen, von ihrem Volk bzw. deren Parlamenten gewählt, nur ihren Wählern, nicht aber dem größeren Ganzen der EU gegenüber verantwortlich seien. Auf der Basis dieser Struktur würde sich das Gemeinsame immer nur aus mehr oder weniger faulen Kompromissen egoistischer Einzelinteressen ergeben, ein starkes europäisches Ganzes könne so niemals heranwachsen. Er hege allerdings auch Zweifel daran, fügte er hinzu, ob dies nur eine Frage der Struktur und nicht auch eine Frage der Reife der Menschen sei. Solange die Menschen dem hetzerischen Boulevard nachlaufen, sei es eigentlich egal, welche Struktur der EU zugrunde liege. „Structure follows people“, ergänzte ich, Peter Drucker zitierend. Und ich erzählte ihm von Otto Scharmer, der von einem „disruptive change“ spricht, von der Notwendigkeit eines Wandels von einem Ego-System-Bewusstsein zu einem Öko-System-Bewusstsein, also zu einem Bewusstsein, das sich nach dem gemeinsamen Haus orientiert (oikos=Haus). „Griechenland ist die Geburtsstätte Europas“, antwortete er mir, „eines Europa voller Kriege und böser Machtspiele. Vielleicht ist Griechenland nun ein zweites Mal Europas Wiege, eines Europa das sich seiner Gemeinsamkeit besinnt, das seine Stärke aus seiner Vielfalt, aus dem Zusammenwirken des Unterschiedlichen bezieht, das als Modell für das Zusammenwirken der unterschiedlichen Völker und Kulturen der gesamten Menschheit dient.“

In jeder Krise liegt die Chance, die Herausforderung zu einem nächsten Entwicklungsschritt. Und es ist offensichtlich, dass dieser in der Erweiterung des „Kopf-Feldes auf das Herzfeld“ besteht als Voraussetzung für den „Umschwung von einem Ego-System zu einem Öko-System“. Und vielleicht, wenn wir das Ufer dieses Umschwungs erreicht haben, werden uns dort die Herren Varoufakis und Schäuble willkommen heißen, und vielleicht wird dann die BILD leitartikeln:
WIR SIND EIN EUROPA DER HERZEN

Ein Kommentar zu “Ein Europa der Herzen

  1. Danke für die erfrischenden Gedanken!
    Im Endeffekt kann es nur mit- und füreinander funktionieren. Miteinander in der Familie, Miteinander in der Arbeit, aber auch Miteinander auf nationaler und internationaler Ebene. Dabei muss man nicht zwingend einer Meinung sein oder gemeinsame Interessen teilen, aber man muss respektvoll miteinander umgehen und die Bedürfnisse seines Gegenübers ernst nehmen!
    Und gerade den Respekt voreinander vermisse ich leider oft in Diskussionen um die faulen Griechen, die bösen Deutschen, die sozialschmarotzenden Flüchtlinge oder die unfähigen EU-Politiker…

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