Ostergedanken

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, soll Jesus in seiner Verzweiflung am Kreuz gerufen haben. Schon als Jugendlicher hat mich dieser Satz aus seinem Munde erstaunt. Die Verzweiflung muss grenzenlos gewesen sein.

Dass die menschenverachtende Kaste jüdischer Pharisäer und Schriftgelehrter, die auch heute noch die Juden als das einzig auserwählte Volk Gottes proklamieren und sich häufig dementsprechend herablassend Nicht-Juden gegenüber verhalten, dass diese Leute Macht haben sollten, Jesus Christus das Erlebnis völliger Gottverlassenheit zu bescheren, das erschien mir zu viel der Ehre. Auch dass sie heute mit Argumenten, die auf Abraham und Moses zurückgehen, der Politik Israels jenen harten, aggressiven Drall verleihen können, der für die Menschen in Israel ein Leben in Sicherheit und Frieden erschwert und auf der ganzen Welt Kopfschütteln erzeugt, scheint mir zu viel der Ehre. Meine Aberkennung der Ehre dieser religiösen Elite gegenüber schmälert nicht meine Bewunderung des Genies vieler, zumeist nicht orthodox religiöser Abkömmlinge des jüdischen Volkes. Was für einen überdimensionalen Beitrag dieses kleine Volk durch sie für die Menschheit geleistet hat!

Aber vielleicht waren es ja gar nicht die jüdischen Pharisäer und Schriftgelehrten, die Jesus in eine solche Verzweiflung zu stürzen vermochten, vielleicht waren es die zukünftigen christlichen. Jene, die sich wegen irgendwelcher theologischer Haarspaltereien spinnefeind waren, die sogar Kriege gegeneinander und gegen andere anzettelten, die Menschen in Christi Namen grausam folterten, ermordeten, aus ihrer Heimat vertrieben, die Kinder massenhaft sexuell missbrauchten und sich auch heute noch in wahnwitziger Selbstüberschätzung anmaßen, ihren Gläubigen die Hölle anzudrohen, wenn sie ihnen nicht gehorchten. Es wäre zu viel der Ehre für diese Leute, hätte Jesus ihretwegen Seelenqualen auf sich genommen! Dass Jesus wegen der christlichen Parteien und ihrer – sieht man von löblichen Ausnahmen ab – hartherzigen, spaltenden und unerträglich selbstgerechten Art der Politikausübung gelitten hat, kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre viel zu viel der Ehre. Mir ist schon bekannt, dass die christliche Theologie andere Erklärungsansätze für das Gefühl von Christi Gottverlassenheit bietet. Aber wer weiß das schon so genau? Vielleicht sind doch diejenigen, die ständig Christi Namen im Munde führen, die Ursache für dessen Verzweiflung. In diesem Fall würde ich tröstend auf die großartigen künstlerischen, sozialen, menschlichen und spirituellen Errungenschaften hinweisen, die aus dem christlichen Geist heraus entstanden sind.

Mit ähnlichen Hinweisen auf die allerdings weit zurückliegenden Errungenschaften des Islam würde ich auch den Propheten Mohammed trösten, sollte er, angesichts der aktuellen Ereignisse einen ähnlichen Ruf der Verzweiflung von sich geben. Es wäre zu viel der Ehre, würde er sich betrüben wegen der Mitglieder einer mafiösen Bande, die es als höchste spirituelle Verwirklichung betrachten, in seinem Namen irgendwelche Leute zu ermorden, die ihnen nie etwas getan haben, ja die sie nicht einmal kennen. Wenn er mir aber antwortete, dass selbst das französische Staatsoberhaupt den islamischen Terroristen den Krieg erklärte, sie daher doch außerordentlich bedeutsam sein müssten, würde ich ihm erklären, dass Monsieur Le President unter Schock stand, als er diesen Nonsens von sich gab. Dass er in jenem Moment wahrscheinlich nicht nur von Gott sondern von allen guten Geistern verlassen gewesen sei, ein paar Hundert gewaltbereiten islamischen Taugenichtsen, Mördern und Bösewichten, die es in Europa gibt, die Ehre zuteilwerden zu lassen, ihnen im Namen der Grand Nation den Krieg zu erklären und sie damit auf die Stufe eines Staates zu heben. Das würde ich ihm sagen. Und würde er weiter argumentieren, dass selbst die deutsche Bundeskanzlerin behauptete, Europa sei durch die Brüsseler Anschläge ins Herz getroffen worden, dann müsste ich zu einer Lüge greifen, indem ich dies als eine Fehlmeldung der Medien darstellte. Drei Volltrottel, die so dumm sind, sich einreden zu lassen, sie kämen ins Paradies, wenn sie sich in die Luft sprengten und dabei möglichst viele Mitmenschen in den Tod rissen, treffen Europa sicher nicht ins Herz, so bedauerlich dieses Ereignis für die Betroffenen und ihre Familien auch sein mochte. So etwas nur zu denken, ist wahrlich viel, viel zu viel der Ehre für diese armseligen Kreaturen.

Wäre der Prophet untröstlich, angesichts der stillen Solidarität, derer sich die unterschiedlichen Banden von Dschihadisten in weiten Teilen der von ihm gegründeten Religion erfreuen, würde ich ihm mein Verständnis zum Ausdruck bringen, und ich würde ihm sagen, dass das Zusammenstehen als Herde gegen äußere Feinde in der Vergangenheit schon eine gewisse Berechtigung gehabt haben mag. Und seine Religion sei nicht die einzige, die in dieser Vergangenheit stecken geblieben sei. Heute gälte es jedoch, als Menschheit zusammenzustehen, und zwar nicht gegen einen äußeren Feind sondern zum Wohle von uns allen. Diese Einsicht habe sich halt in den Religionen noch nicht vollständig durchgesetzt.

Keinen Trost wüsste ich dem Propheten zu spenden, sollte es ihm nahe gehen, dass islamische Staaten es als ihre heilige Pflicht erkennen, Künstler zu ermorden, die sich kritisch mit seiner Religion auseinandersetzen. Wäre ich Mohammed, das würde mich ins Herz treffen. Und wäre ich Mohammedaner, dann wäre ich genau aus diesem Grund nicht mehr Mohammedaner, weil innerhalb eines solchermaßen absolut-autoritären Systems ein Prozess der Katharsis und Transformation schwer möglich ist.

Bei aller großer Wertschätzung gegenüber dem Wirken des derzeitigen Papstes, kann ich doch nicht erkennen, dass die Religionen Lösungen für den Frieden in der Welt und das Zusammenwachsen der Menschheit bieten. Sie sind vielmehr selbst das Problem, sie sind Ursache für Unfrieden. Der überwiegende Teil aller kriegerischen Auseinandersetzungen ist religiös motiviert. Religionen spalten. Auch jene, die sich friedlicher gebärden als der Islam und das Judentum. Sobald ich mich als dieses definiere, befinde ich mich in einem Gegensatz zu jenem. Sobald ich mich als Buddhisten, als Christen, als Hindu bezeichne, bin ich Teil dieser Herde und nicht mehr jener, fühle ich mich solidarisch mit dieser und nicht mit jener, verteidige ich diese und nicht jene. In der Zugehörigkeit, in der Herdenbildung liegt der Keim des Konflikts, eines scheinbar unlösbaren Konflikts, weil ja jede Religion ihre Dogmen und Riten als gottgegeben und deshalb als unverrückbar wähnt.

Ein Lösungsansatz läge darin, dass die Religionen einem Multi-Kulti-Gott huldigen, dass sie dem Göttlichen unterschiedliche Ausdrucksformen zugestehen, wie es unterschiedliche Kontinente, Rassen, Völker und Sprachen gibt, und dass sie zusammenarbeiten zum Wohle der Menschen und der ganzen Welt. Aber wie soll das geschehen? Die Pharisäer und Schriftgelehrten aller Religionen beschäftigen sich mit Ereignissen, die Tausende Jahre zurückliegen, mit Texten, die aus Kulturen stammen, die von völlig anderen Herausforderungen geprägt waren, als wir es heute sind. Sie halten ihre Traditionen hoch anstatt Zukunft zu gestalten. Sie missbrauchen die Geschichten in ihren heiligen Büchern, um zu belegen, dass sie sich im Recht und andere sich im Unrecht befänden, anstatt sich gegenseitig zu bereichern und voneinander zu lernen. Es geht ihnen um den Buchstaben ihrer Mahabharatas, Thoras, Bibeln, Korane, nicht um deren Geist. Es geht ihnen um Regeln, nicht um die dahinterliegenden allgemeingültigen, friedenstiftenden Lebensprinzipien. Es geht ihnen um Glaubenssätze, nicht um das Wohl der Menschen. Es geht ihnen um das Zusammenhalten ihrer jeweiligen Herde, nicht um das Zusammenwachsen und Zusammenwirken aller Menschen. Auf diese Weise sind die Religionen Hindernisse auf dem Weg in eine Zukunft, in der die Menschen in Frieden miteinander und mit der Natur leben, Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Das Konzept der Religion, wie wir es aus der Vergangenheit kennen, taugt nicht mehr für die Zukunft.

Was aber, wenn Ostern über die Religionen hereinbräche, wenn sie als konstruktive, frieden- und zukunftsstiftende Kraft wieder auferstünden? Welche Rolle würden dann die Pharisäer und Schriftgelehrten spielen, jene Kaste, die Jesus als Schlangenbrut bezeichnet? Und was würde mit all den braven Schafen passieren, die in völliger Selbstaufgabe in die Herde drängen und deren Hirten selbst auf den abstrusesten und krankhaftesten Wegen folgen?

Wir leben in einer anderen Welt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Menschheit ist eng zusammengerückt. Alles hängt mit allem zusammen. Die dringendste Forderung, die sich daraus ergibt, ist, aufzuhören, als Herdentiere zu fühlen, zu denken und zu handeln, uns zu erinnern, dass jede und jeder von uns ein einmaliges, einzigartiges, selbstverantwortliches Individuum ist, dazu berufen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Islamische Staat und die kriegerischen Auseinandersetzungen überall dort, wo der Islam vorherrschend ist, führen uns drastisch die Absurdität des Herdenbewusstseins vor Augen. Es führt dazu, dass es allen schlecht geht. Herdenbewusstsein verhindert das Wohl der Menschen, nicht nur religiöses, auch nationales. Wenn der Blick auf Putins Russland nicht genügt, vielleicht hilft jener in die Geschichte. Es ist noch nie was Gutes rausgekommen aus dem Nationalismus. Deshalb können wir uns nichts Schlechteres antun, als, angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen, in Mentalitäten von vorgestern zurückzufallen und uns, von dumpfen Ängsten getrieben, von politisch rechten Krakeelern gegeneinander aufhetzen zu lassen. Die umfassende Krise, in der wir uns als Menschheit befinden, ist ein Aufruf, zusammenzustehen, zusammenzuwirken, unseren Beitrag zu leisten zum Wohle des großen Ganzen, dessen Teil wir sind. Sie ist ein Aufruf, der Realität unserer Welt gerecht zu werden, aus unserer individuellen Verantwortung heraus ganzheitlich zu fühlen, zu denken, zu handeln. Anders gesagt, sie ist ein Aufruf, unser Herz zu aktivieren, unserem liebenden Herzen zu folgen. Das Herz befähigt uns zu ganzheitlichem Fühlen, Denken und Handeln.

Ein Ostern der Religionen findet dann statt, wenn sie bewirken, dass die Menschen zu sich, zu ihrer Wesenhaftigkeit, zu ihrem Herz finden, zum Sitz ihrer Liebe zu sich selbst, dem anderen, dem großen Ganzen und zu dem, was sie als Gott bezeichnen.

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