WIR

Wären WIR Amis, WIR würden zum Ausdruck bringen, dass Trump not our president ist. UNS würde auch nicht einfallen, dem größenwahnsinnigen Erdogan unser Geld vor die Füße zu werfen, indem WIR in der Türkei unseren Urlaub zu verbringen. „In welcher Welt leben WIR eigentlich?“, fragen WIR uns entsetzt, wenn WIR über Fake News, Hasspostings, Kinderpornographie im Netz hören, geschweige denn, dass WIR solche Seiten anklicken würden. Und natürlich sind WIR gemeinsam mit Messi, Ronaldo, Ibrahimovic und Thomas Müller für ein Nein zu Rassismus. Nein, WIR gehören auch nicht zu jenen religiösen Fundis, die ins Mittelalter zurückstreben. WIR gehören ebenso wenig zu jenem wachsenden faschistoiden Bodensatz unserer Gesellschaft, der sein Heil darin sieht, irgendwelchen scheinbar starken Männern nachzulaufen, in der Überzeugung, sie würden die Lösung bringen (ausgerechnet sie!). WIR gehören nicht einmal zu jenen ewig Gestrigen, die sich die Zeit vor 1968 zurückwünschen, als in ihren Augen die Welt noch in Ordnung war, als man noch wusste, was man zu tun und lassen habe, wer anschafft und wer gehorcht. WIR zählen uns zu den Freigeistern, den Weltoffenen, Zukunftsgewandten. WIR sind diejenigen, die unsere Gesellschaft voranbringen, die einen konstruktiven Beitrag für die Entwicklung der Welt leisten. Ja, so sind WIR, die Guten.

Vielleicht gehören WIR ja sogar zu den besonders Guten, weil WIR uns nicht einmal gut vorkommen. Zwar sind WIR sensibler, bewusster, beherzter als andere. Aber Vergleiche anzustellen zwischen UNS hier und denen dort, das widerstrebt UNS. Vor allem mit den Verstockten, mit den Spaltern, mit den Loosern, mit denen, die UNS aus UNSERER heilen, friedlichen, rechtschaffenen, genussreichen Welt schrecken, erübrigt sich doch jeder Vergleich! Was sollten WIR mit ihnen gemein haben?

Anlässlich der verstolperten Bundespräsidentenwahlen in Österreich übertrafen sich die unterschiedlichen Medien in der Feststellung, Österreich sei gespalten. Als in den USA Präsidentschaftswahlen stattfanden, die exakt gleiche Analyse. Und kürzlich in Frankreich – detto. Gut, in Österreich und Frankreich haben WIR gewonnen, in den USA die anderen. Aber das Thema ist nicht, wer gewonnen hat, das Thema ist die Spaltung. In der Spaltung liegt der Sprengsatz, in der Spaltung liegt die Gefahr.

Tatsächlich hat es sie immer gegeben, die Spaltung – etwa zwischen dem Adel und dem einfachen Volk, zwischen Besitzenden und Besitzlosen… Und natürlich können wir auch heute noch ein Auseinanderklaffen der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten diagnostizieren, bezogen auf ihre ökonomischen Verhältnisse und bezogen auf ihre Bildung. Dadurch, dass in unseren Landen nur wenige wirklich Not leiden, gefährdet das jedoch derzeit den Zusammenhalt unserer Gesellschaft (noch?) nicht.

Was hat es also auf sich mit der so oft strapazierten „Spaltung“? Vergessen wir die Politik! Sie ist nur ein Symptom. In ihr spiegeln sich zwei Entwicklungstendenzen wider: Die eine, zurück in die Vergangenheit, ins Grobe, ins (Vor-) Urteilen und Gegeneinander, die andere, vor in die Zukunft, in die Empathie, in die Kooperation und Integration. Wie kommt es zu diesem dramatischen Auseinanderdriften? Wir leben in einer Zeit, die uns vor besondere Herausforderungen stellt. Das Ganze der Welt, das Ganze der Menschheit drängt in den Vordergrund. Schenken wir dem Ganzen nicht Beachtung, stellt dies auch das Wohl des Einzelnen in Frage. Die Zeit geht zu Ende, in der sich das Einzelne auf Kosten des Ganzen und anderer Teilgrößen Vorteile verschaffen konnte. Entweder es geht uns miteinander gut oder miteinander schlecht. Wie eine Seilschaft bei einer Bergtour hängen wir als Menschheit zusammen, und die Natur, unsere Mutter Erde, mit dazu.

Es gibt tatsächlich Menschen, die sich dieser Verantwortung stellen, sehr viele Menschen. Und irgendwie gehören WIR wohl auch zu ihnen. Und es gibt viele andere, die sich hochgradig verunsichert fühlen durch diesen Wandel im kollektiven Bewusstsein. Je größer die Achtsamkeit der einen für sich selbst und das große Ganze, desto unverhohlener bestehen die anderen darauf, ihr Ego zu manifestieren. Die einen (WIR) sind gerade dabei, die Welt und sich selbst neu zu denken, neu zu fühlen, neu zu erkennen, und aus diesem neuen Bewusstsein heraus neue Handlungsmuster, neue soziale Verhaltensweisen, neue Technologien, neue Systeme, eine neue Kultur zu entwickeln. Die anderen frönen in völliger Selbstvergessenheit ihren niedrigsten Instinkten. Und das ist gut so.

Es ist ein Glück, dass es die Trumps, Erdogans, Putins, Orbans, Kaczynskis, Dutertes, Straches, die christlichen und islamischen Fundamentalisten… mit ihren scheinbar völlig irrationalen Anhängern und Mitläufern gibt. Ein Glück für UNS. Sie halten UNS den Spiegel vor. Ich zuerst, meine Familie zuerst, mein Unternehmen zuerst, meine Fußballmannschaft zuerst, meine Nation zuerst, das schreien nicht nur sie hinter Rednerpulten und in Bierzelten zu ihren grölenden Anhängermassen, das schreit es auch in UNS, den Guten. Mag dieser Schrei unterdrückt, ignoriert, verdammt sein, er existiert. Und bevor WIR ihn nicht von Herzen angenommen und integriert haben, wird er UNS immer wieder einholen und davon abhalten, das Ganze in den Vordergrund zu rücken, die so dringend notwendigen ganzheitliche Sichtweisen zu entwickeln und zu verwirklichen. Unsere große Aufgabe besteht darin, die Spaltung zu überwinden, sie in uns zu überwinden. Wir sind das eine wie das andere. Und es ist gut so. Heißen wir nicht allein die Flüchtlinge, heißen wir auch unser Ego, unseren eigenen Überlebenskampf willkommen! Das ist die wahre Willkommenskultur. Beenden wir den Kampf zwischen Gut und Böse! Das ist die wahre Herausforderung unserer Zeit.

Das Ego von Herzen anzunehmen, es in unserem tiefsten Inneren zu bejahen – ja, du bist da, ja, ich nehme dich wahr, ja, ich bin mir deiner bewusst, ja, ich liebe dich – bedeutet ja nicht, es ungezügelt in die Wirkung zu bringen. Es ermächtigt uns vielmehr, tatsächlich aufzubrechen, die Welt und uns selbst neu zu denken, neu zu fühlen, neu zu erkennen, und aus diesem neuen Bewusstsein heraus neue Handlungsmuster, neue soziale Verhaltensweisen, neue Technologien, neue Systeme, eine neue Kultur zu entwickeln.

Trump und seinesgleichen auf der ganzen Welt, und ihre so verstockten Anhänger, sie sind Symptomträger unseres Egos. Und als solche helfen sie uns, dienen sie uns, die Spaltung in uns zu überwinden, Frieden zu schließen mit uns selbst und diesen Frieden in die Welt zu bringen. Sie helfen und dienen uns, ein neues Verständnis von WIR zu entwickeln: Nicht mehr WIR, die Guten, hier, und IHR, die Bösen, dort, sondern IHR seid ein Teil von uns und WIR sind ein Teil von euch. Wir gehören alle zusammen. WIR und IHR, wir sind gemeinsam das neue WIR. (Danke Trump, Putin, Erdogan, und wie ihr alle heißt! Und danke euch allen, die ihr ihnen folgt!)

 

Ein Kommentar zu “WIR

  1. Danke Helga und Wolfgang, danke an alle Spiegel dieser Welt. Ohne die große Bereitschaft meiner Umgebung und den vielen Menschen, die mir im Leben begegnet sind, wäre meine Entwicklung nicht möglich gewesen.
    Grazie
    Bertl

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